Januar 10

Die Klimakrise stellt eine Notlage dar

Die Klimakrise stellt eine Notlage dar

Kommentar zu Diskussion im Bau- und Umweltausschuss der Stadt Wolfenbüttel

Zu einem Bericht in der Wolfenbütteler Zeitung vom 19. Januar 2020

Von Rainer Elsner

Windräder nahe der Asse (Bild: Rainer Elsner)

Am Ende kommt es sicher auf die Entscheidungen und Handlungen an, denn nur diese werden dabei helfen können, die Klimakrise zu bewältigen. Damit ist die Wahl der Worte und Begriffe aber nicht zweitrangig. Denn darüber vermitteln wir auch den Stellenwert und die Bedeutung der Entscheidungen und Handlungen.

Wenn wir dann die Klimakrise, die eigentlich „nur“ Teil einer menschengemachten ökologischen Krise ist, kritisch betrachten, dann lässt sich bei vernünftiger Beurteilung kaum bezweifeln, dass wir uns in einer Notlage befinden. Denn uns bleibt nur noch ein sehr kleines Zeitfenster übrig, um den Kollaps der Biosphäre hoffentlich noch abwenden zu können. Wir erleben ein besonders trockenes Jahr nach dem anderen. Der Wald ist extrem gestresst. Trinkwasser wird knapp. Der letzte richtige Winter liegt bei uns Jahre zurück. Die Gletscher der Alpen verschwinden. In Kalifornien und Australien wüten Waldbrände bislang unbekannten Ausmaßes. Das Grönlandeis schmilzt. Der Meeresspiegel ist seit 1880 weltweit um durchschnittlich etwa 25 Zentimeter gestiegen. Der Anteil des Treibhausgases Kohlendioxid hat sich seit der vorindustriellen Zeit von 280 ppm auf inzwischen knapp 414 ppm erhöht. Und die globale Durchschnittstemperatur ist gleichen Zeitraum bereits um mehr als ein Grad Celsius angestiegen.

Die Prognosen aller seriösen Wissenschaftler sagen uns und vor allem unseren Kindern und Enkeln – ohne grundlegendes Gegensteuern – keine schöne Zukunft voraus. Große heute bewohnte Gebiete werden durch Austrocknung oder Überflutung unbewohnbar werden. Global sich ausbreitende Pandemien werden sich häufen. Kriege um Lebensraum und Ressourcen werden alltäglich werden und auch Westeuropa wieder unmittelbar erreichen. Und schon jetzt ist es sicher, dass wir Menschen die Biosphäre zu unseren Ungunsten nachhaltig verändert haben.

Diese Aufzählungen sind nicht vollständig. Aber das bereits aufgezählte sollte für einen vernünftigen und intelligenten Menschen eigentlich ausreichen, um die Brisanz unserer Lage als Menschheit zu erkennen. Es ist eine Notlage – in die wir sehenden Auges marschiert sind! Bereits der erste Bericht an den Club of Rome vor 50 Jahren hatte uns die drohende Katastrophe angezeigt. Als der IPPC dann vor 30 Jahren seinen ersten Bericht veröffentlichte, hatten wir vermutlich immer noch genügend Zeit, um die Katastrophe abzuwenden. Auch diese Zeit blieb weitgehend ungenutzt. Diese Zeit haben wir jetzt definitiv nicht mehr. Wir müssen also jetzt handeln, und zwar in allen Bereichen und mit tiefgreifenden Veränderungen. Einfach „weiter so“ führt weiter in die Katastrophe. Auch wenn wissenschaftliche Prognosen immer Unsicherheiten beinhalten, so gebietet es uns unsere Vernunft, angesichts der bereits sichtbaren Entwicklungen wie auch der drohenden Folgen nun endlich konsequent zu handeln. Denn es ist auch denkbar, dass die aufziehende Katastrophe die Menschheit insgesamt verschwinden lässt. Was anderes ist das als eine Notlage?

Wolfenbüttel, 27.12.2020

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Dezember 2

Ein Abend im Advent

Ein Abend im Advent

Eine besinnliche Erzählung aus der Weihnachtszeit

von Rainer Elsner

Erstmals veröffentlicht im Ostfalen-Spiegel – Wolfenbüttel im Dezember 2010

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Die Dunkelheit der herannahenden Nacht hat das spärliche Licht des Tages bereits verdrängt, als der dreizehnjährige Tom mit seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Lisa an der Bushaltestelle ankommt. Die Kinder waren bei einer Weihnachtsfeier ihres Sportvereins. Seit den Morgenstunden fallen ohne Unterlass weiße Flocken vom Himmel. Langsam verwandelte der Schnee das triste Grau des Novembers in das strahlende Weiß des Dezembers. Überall in den Fenstern und an den Häusern glänzen die Lichter des Advents. Auch die Augen von Tom und Lisa glänzen beim Anblick der weiß-goldenen Pracht.

Während die beiden Kinder auf den Bus warten, quält sich der späte Feierabendverkehr langsam vorbei. Die glatten Straßen rauben den Fahrern die Freude an der Schönheit dieses Abends. Aber wer sich nicht auf das Fahren konzentrieren muss, wird von den Gedanken an das nahe Weihnachtsfest ergriffen. Es vergeht eine halbe Stunde, aber kein Bus ist in Sicht. Tom wird langsam unruhig. Zuerst toben beide noch im frischen Schnee, doch nun bemerken sie langsam die Kälte. Besonders Lisa fängt an, sich über kalte Füße zu beschweren.

„Warum hast du bloß dein Handy vergessen?“ stichelt Lisa ihren Bruder, „jetzt müssen wir hier erfrieren, weil wir Mama nicht anrufen können“.

Der stimmt ihr innerlich zu, will sich diese Blöße aber nicht geben und sagt deshalb unfreundlicher, als er es eigentlich wollte:

„Reiß du dich doch einfach mal zusammen! Kaum wird es ungemütlich, da muss die kleine Prinzessin schon Meckern. Aber Meckern hilft nicht!“

Das ist für Lisa zu viel. Immer muss ihr Bruder sie spüren lassen, dass er doch schon so groß und ernst ist. Dabei ist ihr einfach nur kalt! Eingeschnappt dreht sich Lisa um und setzt sich stumm auf die eiskalte Bank im Haltestellenhäuschen. Tom schaut zu seiner Schwester und bekommt ein schlechtes Gewissen. Sie hat ja Recht. Wenn er sein Handy nicht zu Hause vergessen hätte, könnten sie jetzt ihre Mutter anrufen und sich abholen lassen. Tom überlegt und sagt schließlich:

„Lisa, wir gehen zu Fuß.“

Lisa reagiert nicht, sondern schaut weiter stumm in den frisch gefallenen Schnee.

„Lisa, du hast Recht“ gibt er klein bei, „aber wir müssen uns bewegen“.

„Aber das ist doch viel zu weit“ erwidert Lisa bestürzt und springt auf.

„So weit ist das gar nicht, und wenn wir hier noch länger stehen, erfrieren wir wirklich“ erklärt Tom seiner Schwester.

„Aber ich will nicht den ganzen weiten Weg laufen“ rebelliert das Mädchen und dreht sich wieder bockig weg.

Behutsam fasst Tom nun seiner kleinen Schwester auf die Schulter und sagt ruhig:

„Lisa, entschuldige bitte, dass ich eben so schroff war zu dir! Vielleicht können wir ja von irgendwo Mama anrufen. Dann holt sie uns bestimmt ab. Aber lass uns erst mal ein Stück gehen.“

Lisa ist zwar gerne schnell eingeschnappt, aber sie ist nicht dumm. Wenn auch widerwillig, folgt sie ihrem großen Bruder. Langsam gehen die Kinder auf dem verschneiten Bürgersteig in Richtung Stadtmitte. Ihr Ziel liegt auf der anderen Seite der kleinen Stadt. Sie sind noch nicht weit gekommen, als sie vor einem kleinen Fachwerkhaus eine vermummte Gestalt sehen. Im Halbdunkel räumt das irgendwie unheimlich wirkende Wesen den Gehweg vom Schnee frei. Das erscheint aber eigentlich sinnlos, denn der Schnee bedeckt sofort wieder die gerade befreite Fläche. Etwas ängstlich gehen die Kinder an der Gestalt vorbei, denn sie ähnelt in gewisser Weise der Hexe aus Hänsel und Gretel – zumal vor dem kleinen gedrungenen Häuschen. Auch dem großen Tom ist irgendwie mulmig zu mute. Als sich die Kinder schon fast in Sicherheit wiegen, spricht die Hexe sie an:

„Ach Kinder, was geht ihr den hier so alleine durch die Kälte?“

Die Stimme klingt so gar nicht nach einer bösen alten Hexe. Sie klingt zwar etwas zitternd aber warm und liebenswürdig. Mutig drehen sich die Kinder um und schauen in die freundlichen Augen einer wohl schon sehr alten Frau.

„Na, ihr fürchtet euch doch nicht vor mir alten Frau?“ spricht sie lächelnd weiter.

„Nein, aber wir wollen schnell nach Hause kommen“ antwortet Tom etwas an der Wahrheit vorbei redend. Lisa steht stumm neben ihrem Bruder und hat seine Hand ergriffen.

„Ihr braucht aber keine Angst haben vor mir“ sagt die alte Frau, die die Furcht vor allem in Lisas Augen sofort erkennt, „ich sehe zwar vielleicht wie eine alte Hexe aus dem Märchen aus, aber ich könnte wirklich keiner Menschenseele etwas antun!“

„Können wir bei ihnen vielleicht unsere Mutter anrufen, damit sie uns hier abholt? Der Bus ist nicht gekommen“ fragt Tom nun, der sofort bemerkt, dass es kindisch war, sich vor dieser alten Frau zu fürchten.

„Aber sicher. Kommt, wir gehen erst mal rein. Dort ist es warm“ antwortet die Frau.

Mit dem Schneeschieber in der Hand geht sie voraus und die Kinder hinterher. In den Fenstern des Hauses stehen kleine Lichtbögen und aus dem Schornstein steigt Rauch in den verschneiten Himmel. In der weihnachtlich geschmückten Diele schaltet die Frau eine Lampe an und zeigt Tom und Lisa die Garderobe, wo sie ihre Kleidung aufhängen können. Dann zieht sie die dicken Sachen aus, die sie vor der Kälte geschützt haben. Und auch die Kinder ziehen ihre Jacken und Schuhe aus. Die Frau zeigt Tom ihr Telefon. Der ist zunächst irritiert, denn der große schwarze Apparat hat einen viel zu schweren Hörer und statt Tasten ein Rad mit Löchern, unter denen die Zahlen 0 bis 9 zu sehen sind. Die Frau sieht das und erklärt ihm die Funktionsweise der alten Wählscheibe. Zum Glück erreicht Tom seine Mutter auch sofort. Sie hat sich schon Sorgen gemacht und fährt umgehend los. Aber das kann dauern, die Straßen sind ja glatt.

„Kommt Kinder, wir gehen in die gute Stube, dort ist es gemütlicher“ fordert die alte Dame Lisa und Tom auf und geht wieder voraus.

Sie betreten einen in ein gemütliches Licht getauchten Raum mit alten Möbeln und vielen Bildern an den Wänden. Auf Kommoden und Regalen flackern Kerzen, in den Fenstern stehen leuchtende Schwibbögen. An einer Seite des Raumes steht eine alte Schrankwand mit einem Regal in der Mitte, in welchem unzählige vor allem alte Buchrücken zu sehen sind. Und an der Wand gegenüber den Fenstern befindet sich neben der Tür ein Kamin, in dem ein Feuer lodert. Vor dem Kamin steht ein kleiner Tisch und um ihn herum gruppiert zwei Sessel und ein Sofa. Der Raum ist wie der Hausflur weihnachtlich geschmückt.

„Wärmt euch schon mal am Feuer, Kinder. Ich mache uns schnell noch heißen Tee. Und hier habt ihr eine Decke, mit der ihr eure Beine und Füße wärmen könnt“ sagt die Frau zu Tom und Lisa. Sie reicht den Kindern die Decke und verlässt die Stube wieder.

Die Kinder setzen sich auf das Sofa und blicken fasziniert in das Feuer. Langsam breitet sich wieder Wärme in ihren Körpern aus. Zunächst können Lisa und Tom ihre Augen nicht vom Feuer lösen. Doch dann schauen sie sich in dem Raum um. Alles, Möbel, Wände, Bilder ist so gar nicht modern, ganz anders als zu Hause. Aber überall scheinen kleine Geschichten verborgen zu sein. Deutlich spüren sie, wie das gelebte Leben der alten Frau aus den Dingen spricht. Zwei Bilder in Schwarzweiß, die auf dem Kaminsimms stehen, fesseln die Kinder besonders. Auf einem Bild ist eine junge schöne Frau mit zu einem Haarkranz geflochtenen blonden Haaren unter einem Brautschleier zu sehen. Sie steht im weißen Kleid an der Seite eines Soldaten mit Schirmmütze und Säbel. Beide schauen lächelnd in die Kamera. Und ein zweites Foto steht daneben, wo wohl der gleiche Soldat in sauberer Uniform mit geflochtenen Schulterklappen freundlich, aber auf eigentümliche Weise ernst im Portrait abgebildet ist. Dies Bild ist an einer oberen Ecke mit einem schwarzen Band geschmückt.

„So Kinder, jetzt wird euch richtig warm werden“ sagt die Frau, während sie den Raum mit einem Tablett betritt.

Sie stellt die Teekanne und Tassen auf den Tisch und gisst die dampfenden Flüssigkeit in die Tassen. Auch ein Teller mit Plätzchen steht auf dem Tablett. Noch immer etwas ausgekühlt trinken die Kinder vorsichtig den heißen und süßen Tee. Nachdem alle ihre Tasse wieder auf den Tisch gestellt haben, sagt die Frau zu den Kindern:

„Ich bin die Sophia, und wie heißt ihr zwei Kleinen denn nun eigentlich?“

„Tom“ antwortet Tom etwas mürrisch, da er ja nun wirklich nicht mehr klein ist.

„Lisa“ sagt Lisa und lächelt.

„Dürfen wir sie etwas fragen?“ fragt Tom die alte Dame, nachdem er sich wieder beruhigt hat. Sie hat schräg neben den Kindern in einem der alten Sessel Platz genommen.

„Ja Tom, das dürft ihr, aber ihr braucht mich nicht mit Sie ansprechen. Da ich euch Kinder mit Du anspreche, dürft ihr kleinen Menschen auch mich mit Du anreden“ erklärt Sophia mit freundlicher Stimme.

„Bist du das da auf dem Foto?“ fragt Tom und zeigt zum Kamin.

Sophia schaut kurz hin und sagt dann mit plötzlich leiserer Stimme:

„Ja, das war die schönste Zeit meines Lebens. Aber es war uns nur eine kurze Zeit vergönnt. Und diese schöne Zeit ist auch schon sehr lange her.“

Einen Moment lang wird es still im Raum. Nur das Feuer knistert. Dann steht Sophia auf und legt Holz nach. Tom fasst erneut allen Mut zusammen und fragt:

„Ist der Soldat dein Mann, habt ihr da geheiratet?“

„Ja, das ist mein geliebter Ludwig, der fesche Leutnant“ antwortet Sophia mit einem Lächeln aber zitternder Stimme, „das Foto zeigt einen der glücklichsten Momente in unserem Leben.“

„Und warum hat das andere Foto diese schwarze Ecke?“ fragt Lisa.

„Das macht man, wenn ein Mensch gestorben ist“ antwortet Sophia mit noch leiserer Stimme.

„Warum ist dein Ludwig denn gestorben?“ fragt Lisa in ihrer noch kindlichen Unschuld weiter.

Sophia atmet tief ein, schaut die Kinder mit ernster Miene an und antwortet dann:

„Weil wir Menschen leider sehr dumm sind und unfähig, wirklich menschlich zu sein. Ihr seid ja noch sehr jung. Aber ich denke, ein Mensch kann es nicht früh genug erfahren, worauf es ankommen in diesem Leben!“ Mit bebender Stimme fragt sie: „Wollt ihr unsere, Ludwigs und meine, Geschichte hören?“

Der Klang in Sophias Stimme hat die Kinder betroffen gemacht, aber ihre Andeutungen haben auch ihre Neugier geweckt. Die Kinder schauen Sophia mit großen Augen an und antworten leise:

„Ja Sophia, bitte erzähle uns eure Geschichte.“

„Gut, merkt euch bitte alles, was ich euch erzähle. Es wird leider viel Trauriges dabei sein. Aber ich werde euch auch sehr Schönes berichten“ sagt Sophia zu Tom und Lisa und lehnt sich in ihren alten Sessel zurück.

„Es war im Frühling 1936. Ich ging noch zur Schule, war auf dem Weg zum Abitur. Eines Abends stand dann plötzlich dieser fesche junge Offizier vor mir. Ich kam mit ein paar Freundinnen aus dem Kino. Wir scherzten und lachten und ich rempelte ihn ausversehen an. Schick sah er aus in seiner schmucken Uniform mit seinen silbernen Leutnantsklappen auf den Schultern und seiner Schirmmütze auf seinem kantigen Kopf. Er war kein auffallend schöner Mann, aber er sah stattlich aus in der Uniform und sein Blick strahlte viel Wärme aus. >Verzeihung, mein Fräulein!< sagte er höflich und salutierte vor mir.

Ich erstarrte und war wie gefangen von ihm. Es war ein schönes, völlig aufheiterndes Gefühl, was mich plötzlich ergriff – vielleicht so, als ob nach einem vernebelten Morgen plötzlich die Sonne scheint. Obwohl ich mit meinen neunzehn Jahren noch fast ein Kind war, wusste ich sofort: Das ist er! Ich kann euch nicht sagen warum, aber ich wusste es – so erscheint es mir zumindest rückblickend bis heute. In diesem Moment vermochte ich dies heitere, erhebende Gefühl noch nicht zu deuten. Es war nur einfach schön! Der Offizier stellte sich als Leutnant Ludwig Minne vor, Panzergrenadierbataillon sowieso. Ich sagte nur, dass ich Sophia heiße. Dann bekam ich es mit der Angst zu tun. Schnell drehte ich mich weg. Meine Freundinnen griffen meine Hand und übertrieben lachend stürmten wir davon zur Straßenbahnhaltestelle.“

Sophia macht eine Pause und trinkt einen Schluck Tee. Weihnachtlicher Glanz umgibt sie. Die Kinder schauen sie gebannt an.

„Und dann, wie ging es weiter?“ fragt Lisa ungeduldig.

„Nur ruhig Blut junge Dame“ erwidert Sophia und rückt sich im Sessel zurecht.

„Es vergehen einige Tage. Der junge, fesche Leutnant, wie wir Mädchen ihn genannt haben, geht mir aber nicht aus dem Sinn. In der Schule kann ich mich nicht konzentrieren und nachts kann ich nicht schlafen. Ich bin verliebt. Das wird mir immer deutlicher bewusst. Ihr müsst wissen, Kinder, damals war alles noch nicht so offenherzig zwischen Mann und Frau, wie das heute meist der Fall ist. Und wir waren auch nicht so aufgeklärt und fast schon frühreif, wie das heute häufig der Fall ist. Was heute möglicherweise schon zu früh und zu viel passiert, das war damals viel später dran und vieles auch nicht statthaft oder gar erlaubt.“

Sophia macht wieder eine Pause.

„Aber ich will die Geschichte nicht zu sehr in die Länge ziehen. Eure Mutter kann ja jeden Moment hier sein. Kurz, irgendwann fasste ich allen Mut zusammen und ging zu seiner Kaserne. Irgendwann kam er auch tatsächlich heraus, aber er ging mit einem Kameraden plaudernd an mir vorbei – ohne mich wahrzunehmen, wie ich glaubte. Was ich alles anstellen musste, um ihn immer wieder zu sehen und wie umständlich unser Kennenlernen verlief, will ich um der Kürze willen weglassen. Irgendwann blieb er stehen und sprach mich auf das Kino an. Er begann damit, mir den Hof zu machen und mein Herz schien zu fliegen. Ludwig führte mich zum Kaffee aus und ins Theater. Ich konnte es kaum erwarten, dass er sich wieder meldet und wir wieder etwas gemeinsam unternahmen. Auf dem Weihnachtsmarkt im Advent 1936 gestand er mir schließlich seine Liebe und ich ihm die meine.“

„Habt ihr euch dann geküsst?“ fragt Lisa aufgeregt.

„Nein, oder ja, aber nur ganz kurz und verlegen. Wie gesagt, damals war alles anders als heute!“ beantwortet Sophia Lisas Frage.

„Und der Ludwig lief die ganze Zeit in dieser schicken Uniform herum?“ fragt Tom fasziniert.

„Ja, das war damals eine Zeit der Uniformen, Kinder. Das alte Preußen lebte in diesen Uniformen noch immer und alle hatten Respekt vor einem Offizier. Entsprechend stolz war ich junges Ding damals, wenn ich mit meinem Ludwig durch die Straßen flanierte. Wir Mädchen träumten alle von einem stolzen Ritter oder eben von einem Offizier mit Säbel und Portepee. Wir hatten ja keine Ahnung, welche grausame Zukunft sich hinter diesen schmucken Uniformen versteckte“ erklärt Sophia.

„Aber ich will später auch Soldat werden, wie mein Onkel Sebastian. Der ist Kompaniechef bei den Fallschirmjägern“ kommentiert Tom Sophias Worte mit etwas Unverständnis.

„Ach Junge, ich weiß, alle Jungs träumen davon, ein Held zu werden. Aber Helden sterben mitunter sehr früh, zu früh. Oder sie bemerken viel zu spät, dass es nicht sehr heldenhaft ist, Menschen zu töten“ sagt Sophia mit matter Stimme.

„Aber …“ will Tom protestieren.

Doch Sophia führt den Finger an den Mund und gibt ihm zu verstehen, einstweilen zu schweigen:

„Warte erst mal unsere Geschichte ab, Tom.“

„Okay“ sagt Tom wieder leiser und lehnt sich zurück.

„Es war, wie gesagt, die schönste Zeit meines Lebens. Im Frühling 1937 feierten wir Hochzeit. Mein fescher Leutnant war mittlerweile zum Oberleutnant befördert worden. Da ist das Foto links entstanden. Unsere Flitterwochen verbrachten wir in den bayerischen Alpen. Wir waren so verliebt! Ludwig war sehr besorgt um mich, und ich auch um ihn. Und wann immer wir kurz getrennt waren und uns dann wieder sahen, konnten wir in den Augen des anderen die grenzenlose Freude sehen, die er empfand, einfach nur weil es einen gab. Wir brauchten wenig Worte, um uns sicher zu sein, dass wir einander liebten.“

„Schön!“ entfährt es Lisa.

„Ja, das war schön. Aber es dauerte nicht lange, dann sahen auch wir die dunklen Wolken am Horizont. Ein Jahr später wurde Österreich ins Reich geholt, dann brannten im November die Synagogen. Auch wenn Ludwig Soldat war und ich zuvor im BDM, dass man Menschen so etwas nicht antut, war uns beiden bewusst. Doch, wie so viele Menschen damals, glaubten wir, die Zeiten würden auch wieder besser werden.“

„BDM?“ fragt Tom.

Sophia steht auf und schürt im Feuer. Lisa schenkt frischen Tee in alle Tassen.

„Der BDM war der Bund deutscher Mädel“ antwortet Sophia dann, während sie am Kamin hantiert, „das war eine Jugendorganisation der Nationalsozialisten, der weibliche Zweig der Hitlerjugend. Ihr werdet hoffentlich in der Schule noch mehr darüber erfahren, heute würde es meine Geschichte zu sehr in die Länge ziehen.

Doch wieder ein Jahr später bekam der Wahnsinn ein neues Gesicht. Zunächst mit stolzgeschwellter Brust rollte mein Ludwig mit seinen Panzern über die Grenze nach Polen. Der Beruf des Soldaten war es, und ist es übrigens noch heute, Krieg zu führen. Und so waren vor allem die Offiziere froh, sich endlich auf dem Schlachtfeld beweisen zu können. In meinem naiven Denken durchschaute ich die Situation noch nicht, aber ich hatte kein gutes Gefühl dabei. Für unsere Liebe war das eine harte Prüfung. Wir sahen uns von nun an immer nur wenige Tage, allenfalls Wochen im Jahr. Immer, wenn Ludwig Heimaturlaub hatte. Zunächst gaben wir uns dann immer einfach unserer jungen Liebe hin, Ludwig schenkte mir drei Kinder. Aber mit jedem Heimatbesuch wurde er nachdenklicher und trauriger. Schließlich verbrachten wir unsere wenigen Abende nicht mehr eng umschlungen im Ehebett, sondern in langen Gesprächen. Es ist unvorstellbar, was er mir von der Front berichtet. Das Sterben, das Töten, das Leiden von unzähligen Menschen, grausame Wunden ließen meinen Ludwig nicht mehr richtig schlafen. Dazu kamen noch Verbrechen, die er auch zu sehen bekam. Frauen und auch Kinder wurden erschossen und es hieß, in Polen gäbe es ein Lager, in dem Juden vergast werden. Bei unserem letzten Treffen war mein Ludwig nur noch ein Schatten seiner selbst. Inzwischen war er Oberstleutnant und Bataillonskommandeur in der 6. Armee. Aus der Zeit stammt das andere Foto dort.“

Sophia zeigt auf das Bild mit dem Trauerflor. Die Kinder folgen ihrer Hand schweigend.

„Auf dem Bild sieht man seine Traurigkeit nicht. Da hat er sich zusammengerissen und seine liebenswürdige Seele zum Ausdruck gebracht. Vielleicht wusste er, dass das das letzte Bild sein würde, was ich von ihm haben würde.“

Sophia kommt ins stocken. Tränen kullern über ihre Wangen. Lisa legt aus einem Reflex ihre Hand auf Sophias Knie. Sophia greift nach der Hand und erzählt weiter:

„Ihr habt vielleicht schon von Stalingrad gehört. Mein Ludwig und seine Grenadiere wurden dort im Winter 1942/43 eingekesselt. Als ich von der mörderischen Schlacht hörte, wusste ich, ich würde meinen Ludwig nicht wieder sehen. Im Januar 1943 kam ein junger Leutnant vom Ersatzheer, so fesch und stolz wie einst mein Ludwig, zu mir und sagte, mein Ludwig sei heldenhaft für Reich und Führer gefallen. Da die Kinder hinter mir standen, musste ich mich zusammenreißen. Denn alle fingen sogleich an zu weinen. Dem jungen Offizier sagte ich nur: >Ach Herr Leutnant, wenn sie wüssten< und ließ ihn dann stumm im Flur stehen.

Später am Abend, als die Kinder alle im Bett lagen, und ich sie halbwegs beruhigen konnte, sank ich in unser Ehebett. Hier, wo wir in manch langer Nacht mit so viel Freude unsere Liebe gefeiert hatten, von der wir glaubten, sie würde ewig dauern. Hier, wo wir zuletzt in dunkler Ahnung lange vertraute Gespräche führten und hier, wo mein Ludwig mir gestand, dass Soldat ein böser Beruf ist, hier brach ich in Tränen aus. Und bis zum frühen Morgen konnte ich nicht mehr aufhören zu weinen. Erst, als mein Körper auszutrocknen drohte, hörte ich auf mit dem Weinen. Mit dunklen Augen frühstückte ich mit den Kindern und beschloss, meine Kinder werden niemals in irgendeinen Krieg ziehen! Es folgten viele dunkle Wochen und Monate, wo mich der Kummer um Ludwig in einer tiefen Traurigkeit erstarren ließ und immer wieder unverhofft meine Tränen flossen. Nur die Kinder gaben mir noch Kraft, mein Leben nicht aufzugeben. Doch dieser Schmerz sollte sich noch steigern lassen.“

Sophia verstummt und trinkt wieder einen Schluck Tee. Der Raum ist erfüllt von Stille, nur das Feuer im Kamin knistert und die Kerzen ringsum flackern. Schweigsam schauen Lisa und Tom Sophia an und warten, dass die Geschichte weiter geht.

„Als wollte die Welt mich verhöhnen, starb mein ältester Sohn, den wir auch Ludwig genannt hatten, in den Bombennächten des Frühjahrs 1945. Wenig später sollte dieser schreckliche Krieg zu Ende sein. Doch mein Schmerz lebte fort. Hermann, unser mittlerer Sohn, hasste die Britten, weil sie seinen großen Bruder getötet hatten und Anna-Sophia, unser Mädchen, fragte nur, wann kommt Ludwig wieder. Sie konnte nicht wissen, dass mich dies doppelt stach. Denn sie hatte ihren Vater nicht mehr kennenlernen dürfen. Mir aber fehlten nun zwei Ludwigs. Es dauerte lange, bis ich wieder etwas Freude in mein Herz lassen konnte. Noch länger brauchte ich, bis Hermann endlich begriffen hatte, dass die Bomben der Britten zwar ebenfalls nichts Gutes waren, dass wir Deutschen diesen grausamen Krieg aber allein zu verantworten hatten und dass sowieso nicht jeder Engländer oder Amerikaner oder Russe böse war, nur weil wir Krieg gegen diese Länder geführt hatten. War ich anfangs noch genauso dumm fanatisch wie viele meiner Generation, so empfing ich am Ende trotz der Bomben die alliierten Truppen als Befreier.“

Wieder verstummt Sophia. Es ist doch sehr anstrengend für die alte Frau, über ihre Vergangenheit zu sprechen. Doch vielleicht war dies die letzte Gelegenheit, ihre Erfahrung weiter zu reichen.

„Hast du später wieder geheiratet, Sophia?“ fragt Lisa vorsichtig.

„Nein“ antwortet Sophia ohne zögern, „es gab so manchen Verehrer, ich war schließlich noch jung und auch nicht unansehnlich. Aber ich war für Ludwig geboren worden und wenn die Kinder nicht gewesen wären, ich weiß nicht, ob ich den Krieg überlebt hätte“.

„Aber dann hast du ja noch über sechzig Jahre alleine gelebt“ stellt Tom fest.

„Alleine?“ fragt Sophia, „nein alleine war ich nie. Ich hatte ja die Kinder und später auch Enkel – und ich hatte zum Glück auch einige gute Freunde. Und Ludwig war ja nie wirklich verschwunden, er ist bis heute bei mir. Ich trage ihn in meinem Herzen. Erst wenn ich gehe, wird er mit mir gehen. Manchmal denke ich, ich bin so alt geworden, weil Ludwig so früh gestorben ist. Ich musste einfach zwei Leben leben.“

Sophia verstummt und Lisa weint leise. Tom rutscht unruhig auf dem Sofa hin und her.

„Das ist wohl doch noch zu schwer zu verstehen für dich, was Lisa?“ fragt Sophia mit ruhiger Stimme.

„Deine“ Lisa korrigiert sich, „eure Geschichte ist sehr traurig aber auch sehr schön, denn du hast deinen Ludwig wohl wirklich sehr geliebt“ antwortet Lisa schluchzend.

„Ja, das habe ich“ bestätigt Sophia Lisas Feststellung, „und wenn dies der einzig denkbare Weg war, auf dem sich unsere Liebe verwirklichen konnte, dann will ich auch keinen anderen gegangen sein – so schmerzhaft dieser Weg auch war“ spricht Sophia weiter.

„Aber warum warst du dir gleich so sicher, dass Ludwig der richtige ist?“ fragt Lisa nun wieder etwas gefasster.

„Das kann ich dir nicht sagen, Lisa. Wahrscheinlich war ich anfangs gar nicht sicher. Ich habe einfach nicht weiter darüber nachgedacht. Ich wusste nur sehr schnell, dass ich ihn liebe. Später, in seinen tiefgründigen Briefen von der Front, hat mir Ludwig immer auch ein paar Verse gedichtet. Am Ende hatte ich eine Sammlung von Aufsätzen über den Sinn des Lebens, die Liebe und unsere Liebe – und ein langes Gedicht über die Liebe. An einer Stelle schrieb er da: >Liebe wird von uns nicht gelenkt, Liebe wird uns geschenkt<. Es gibt also keine Erklärung für die Liebe, Kind.“

Lisa schaut Sophia an und versucht die Worte dieser Frau zu begreifen. Nachdenklich wendet sie ihren Blick dabei dann dem Feuer zu.

„Aber Kind, so sicher du dir deiner Liebe eines Tages auch bist, bewehren muss sie sich im Leben. Und das hält mitunter sehr harte Prüfungen bereit“ spricht Sophia weiter.

Lisa schaut Sophia wieder an und sagt leise „Ja“.

Nun kann Tom sich nicht mehr zurückhalten.

„Aber deine Geschichte stammt aus einer anderen Zeit. Heute sind unsere Soldaten die Guten. Mein Onkel schützt unsere Freiheit in Afghanistan“ bringt er seinen Unmut zum Ausdruck.

Sophia, die von der Reise in ihre Vergangenheit mittlerweile sehr aufgewühlt und auch erschöpft ist, erwidert etwas verärgert:

„So, tut er das?“ Dann wird ihr wieder bewusst, dass sie es noch mit einem Kind zu tun hat und sagt in wieder ruhigerem Ton: „Tom, du bist noch sehr jung. Ich kann verstehen, wenn du meine Geschichte noch nicht ganz begreifen kannst. Und ich weiß auch, dass ihr Jungen immer gerne Soldaten sein wollt. Und sicher ist dein Onkel auch ein ganz lieber Kerl. Mein Ludwig war für mich ja auch der liebste Kerl auf dieser Welt. Und trotzdem ist er in den Krieg gezogen und hat Menschen getötet und zum Töten befohlen.“

„Aber mein Onkel macht sowas nicht, der hilft den Menschen dort“ widerspricht Tom.

„Was ist dein Onkel? Fallschirmjäger? Fallschirmjäger gehören zu den Kampftruppen. Sie lernen nichts anderes, als Menschen zu töten! Aber auch jeder andere Soldat hat als eigentliche Aufgabe das Töten. Auch der Panzerschlosser oder der einen Brunnen bohrende Pionier. Der Beruf des Soldaten ist das Töten und Sterben. Es tut mir leid, Tom. Aber das muss dir bewusst sein, denn sonst wirst du irgendwann so unglücklich, wie es am Ende mein Ludwig war.“

Tom wird wütend und springt auf und ruft:

„Du bist eine böse alte Hexe! Mein Onkel ist kein schlechter Mensch!“

Da springt auch Lisa auf, fast ihren Bruder an der Hand und sagt zu ihm:

„Aber du, wenn du dich nicht augenblicklich entschuldigst. Sophia hat uns ohne Fragen aufgenommen und geholfen. Sie hat viel gelitten in ihrem Leben und du schreist sie an!“

Tom schaut entgeistert seiner Schwester in die Augen, die plötzlich so besonnen und weise redet. Diese Unterbrechung nutzt Sophia, um die Wogen wieder zu glätten:

„Ich habe doch gar nicht gesagt, dass dein Onkel ein schlechter Mensch ist. Ich habe nur gesagt, was der Beruf des Soldaten ist. Viele unserer Soldaten heute sind sicher ganz liebe und friedliche Menschen. Und vielleicht kommen wir auch noch nicht ganz ohne Soldaten aus. Aber das ändert nichts daran, dass unsere Soldaten nichts in Afghanistan zu suchen haben. Und dass die Hauptaufgabe des Soldaten das Töten von Menschen ist – und das Sterben. Kinder, vielleicht erzähle ich euch zu schwere Kost, aber ihr müsst dieses Wissen erlangen und weiter tragen. Die Menschen meiner Generation werden bald alle nicht mehr am Leben sein.“

Sophias Stimme wird nun sehr ernst.

„Es gibt zwei Wege, den menschlichen und den Weg der Macht. Heute scheinen wir wieder den Weg der Macht gehen zu wollen. Deutsche Soldaten sollen in der Welt dafür sorgen, dass unsere Wirtschaft freien Handel betreiben kann. Das ist Imperialismus, Kinder, die Großmachtbestrebung des 19ten Jahrhunderts. Und nun gibt es auch wieder Orden für besonders gute Krieger. Mein Ludwig hatte auch so ein Eisernes Kreuz. Zum Schluss wollte er es am liebsten nicht mehr tragen.“

Sophia stockt der Atem, redet dann aber weiter.

„Irgendwie erinnert mich so vieles heute, wenn bisher auch nur sehr versteckt, an diese schreckliche Zeit. Mit einer Demokratie, die sich den Menschrechten verpflichtet hat, Kinder, hat das fast nichts mehr gemein.“

Als Sophia eine Pause macht, meldet sich Lisa abermals zu Wort. Um die Situation wieder etwas zu beruhigen fragt sie:

„Und wie ging dein Leben nach dem Krieg weiter?“

Sophia, die kurz aufgestanden ist, legt zunächst ein Stück Holz ins Feuer und spricht dann wieder ruhiger weiter:

„Nun, nachdem ich mich mit meiner Situation abgefunden hatte, beschloss ich, mein Leben dem Frieden zu widmen und so vielleicht dem Sterben meiner beiden Ludwigs postum noch einen Sinn zu geben. Zunächst engagierte ich mich in einem Verein für deutsch-französische Freundschaft. Anna-Sophia lerne hier ihren späteren Mann kennen. Beide leben, auch schon in die Jahre gekommen, glücklich in Toulouse. Das steht für einen echten Erfolg und gibt Hoffnung, denn 1914 sahen sich Deutsche und Franzosen noch als verhasste Erbfeinde. In den 1950er Jahren setzte ich mich gegen die Wiederbewaffnung ein, vergeblich, wie ihr wisst. Und in den 60er Jahren gründete ich einen Verein für die deutsch-russische Freundschaft mit. Im kalten Krieg war das aber fast unmöglich.“

Sophia schaut den Kindern, die ihr wieder gebannt lauschen, in die Augen und sagt:

„Kinder, ihr dürft nicht vergessen. Auch die Russen oder die Chinesen oder die Afghanen lieben ihre Kinder wie wir. Sting hat in den 1980er Jahren, als es noch den Kalten Krieg gab, gesungen >The Russiians love their children too<, die Russen lieben auch ihre Kinder. Das bringt es schon fast auf den Punkt. Wir müssen auf die Menschen zu gehen und mit ihnen reden und ihnen nicht nur von der Menschlichkeit erzählen, sondern sie ihnen auch zeigen. Solange der wirtschaftliche Erfolg großer Konzerne aber mehr wiegt als ein Menschenleben, wird es Piraten in Somalia geben und wütende Kinder in Palästina. Das ändert auch keine Bundeswehr. Und in Guantanamo haben wir Menschen im Westen schwer versagt. Das hat uns unglaubwürdig gemacht.“

Wieder macht die alte Frau eine Pause und trinkt einen Schluck Tee. Mit etwas zitternder Stimme redet sie dann weiter.

„Sicher gibt es auch wirklich böse Menschen in der Welt, und gegen die müssen wir uns auch schützen. Aber die meisten Menschen wollen in Ruhe und Frieden leben, egal welcher Weltanschauung sie anhängen. In den aktuellen Konflikten wird Religion oft nur als Deckmantel für ganz anderes benutzt. Denn, ob jemand an Gott, Allah oder Buddha glaubt, hängt doch sehr stark von seiner Geburt ab. Jeder Mensch aber liebt andere Menschen und liebt sein Leben, und jeder Mensch hat Sorgen und Nöte. Meist bekommen wir nur Probleme miteinander, weil wir nicht miteinander reden. Das wichtigste ist, auf andere Menschen zuzugehen und mit ihnen zu reden. Und das klappt in der Regel ohne Waffen besser als mit. Weihnachten nennen wir das Fest der Liebe. Und daran sollten wir uns erinnern, Kinder. Ich rede nicht so, weil ich euch verschrecken will, sondern weil ich Kinder wie euch liebe und sie vor solchen Torheiten bewahren will, wie wir sie in unserer Jugend begangen haben. Ein anderer Vers von meinem Ludwig hilft hier in gewisser Weise auch weiter. Zwar hat er ihn eigentlich deutlich persönlicher gemeint, aber er kann auch in Bezug auf die Völkerfreundschaft verstanden werden: >Liebe ist Freundschaft, Liebe uns Freunde schafft.<“

Sophia hat gerade diese schönen Worte gesprochen, da ertönt die alte Türklingel. Die Kinder schrecken auf und merken, plötzlich, wie weit sie in eine andere, etwas magisch wirkende Welt abgetaucht waren. Vielleicht kommt diese Frau doch aus einem Märchen, denkt Lisa, nur dass sie keine Hexe ist, sondern vielleicht eine gut Fee. Außerdem, wer hat denn gesagt, dass Hexen wirklich böse sein müssen …?

Sophia begrüßt die Mutter von Tom und Lisa an der Haustür. Die bedankt sich bei ihr. Mit glänzenden Augen verabschiedet sich dann Lisa von Sophia. Und auch Tom haben die letzten Worte nachdenklich und milde gestimmt. Mit einem Lächeln drückt er Sophia die Hand zum Abschied und sagt:

„Danke Sophia, diesen Abend werde ich wohl nicht so bald vergessen. Entschuldige bitte, dass ich so wütend geworden bin.“

Sophia schaut ihn an und streicht ihm über den Kopf. „Das habe ich durchaus verstanden“ sagt sie mit Freudentränen in den Augen. Lisa, die die alte Frau schnell sehr ins Herz geschlossen hat, umarmt diese spontan und küsst sie zum Abschied auf die Wange.

„Und noch was Kinder!“ sagt Sophia, als alle schon über die Türschwelle gehen, „im Zweifel folgt immer eurem Herzen und bleibt wahrhaftig, bleibt euch selbst treu!“

Vor dem Haus begrüßt die kalte Winterluft die Kinder. Es hat aufgehört zu schneien. Stattdessen leuchten viele helle Sterne am Himmel und verleihen so der hereingebrochenen Nacht noch mehr Glanz, als sie schon durch Schnee und Weihnachtsschmuck bekommen hat. Alle schauen zum Himmel und Lisa meint, eine Sternschnuppe gesehen zu haben. Vielleicht war das ein Zeichen von Ludwig, denkt sie und lächelt. Schließlich ist Weihnachten ja das Fest der Liebe!

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Juli 11

IX. Was ist jetzt (!) wesentlich?

Was ist jetzt (!) wesentlich?

Verantwortungsbewusstsein, Solidarität und Menschenliebe

Gedanken zum Zeitgeist IX – im Ostfalen-Spiegel

Von Rainer Elsner

„Hoffnung ist etwas anderes als Optimismus. Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, ganz egal, wie es endet.“

Václav Havel[1]

Damals

Wir schreiben heute das Jahr 2016[2]. Für mich als Kind der 1960er Jahre trägt dieses Datum etwas Futuristisches in sich. Ein Sciencefiction-Film aus der Zeit meiner Kindheit trägt den Titel „2001 – Odyssee im Weltall“. Die Jahreszahlen jenseits der nächsten Jahrhundertwende, die zugleich ja sogar eine Jahrtausendwende sein würde, trugen alle etwas weit entferntes in sich – auch später noch, als wir herangewachsen waren und die Jahrtausendwende näher rückte. Noch Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre, als ich studierte, hatten Jahreszahlen mit der 2000 etwas fernes, fast unerreichbares.

Zur selben Zeit, den Jahrzehnten nach den grauenvollsten Ereignissen, die die Menschheit bis dahin erleben – und verantworten – musste (dem Zweiten Weltkrieg mit dem Holocaust und weiterer organisierter Menschenvernichtung[3]), standen sich zwei waffenstarrende Systeme gegenüber, die mit ihren Atomwaffen beide in der Lage waren, den Planeten innerhalb kürzester Zeit für Menschen unbewohnbar zu machen. Die Zeit wurde der „Kalte Krieg“ genannt. „Kalt“, weil es – angeblich – keine „heißen“, also bewaffneten, Konflikte zwischen den Systemen gab. Dies war allerdings eine Lüge – wie so vieles. Denn die Systeme bekriegten sich durchaus auch „heiß“. Nur dieses Töten und Morden fand (vorrangig) nicht auf den Territorien der Kernstaaten dieser Systeme statt – Westeuropa und Nordamerika auf der einen Seite und Osteuropa und die Sowjetunion auf der anderen Seite (die Grenze der Systeme lief mitten durch Deutschland!). Sondern es ereignete sich in vielen Ländern der sogenannten „Dritten Welt“. Das Foltern und Morden fand in Staaten Mittel- und Südamerikas, in Afrika und in Südostasien statt – von Chile über Angola bis hin nach Vietnam (um eine bekannte, aber an dieser Stelle willkürliche Auswahl zu nennen) – zu verantworten von beiden Systemen! Trotz des relativen Friedens (der ja trügerisch war), sehnten viele Menschen ein Ende diese Kalten Krieges (und der Teilung Deutschlands) herbei. Doch auch dies lag als Möglichkeit scheinbar unvorstellbar weit in der Zukunft.

1972, wenige Jahre nach dem einleitend genannten Film wurde ein wissenschaftlicher Report veröffentlicht: „Die Grenzen des Wachstums“, der erste Bericht an den Club of Rome. In diesem Bericht, der auf damals noch in den „Kinderschuhen“ befindlichen Computerberechnungen basierte, prognostizierten diese Wissenschaftler erstmals fundiert – damals noch relativ vorsichtig – den Kollaps unserer Lebenswelt. Der exponentiell steigende Ressourcenverbrauch in einer endlichen Welt gepaart mit anderen Faktoren wird das Leben der Menschheit, zumindest so, wie es seinerzeit gelebt wurde, schon im kommenden Jahrhundert ernsthaft bedrohen. Danach häuften sich solche Berichte, die es schon bald zuließen, von einer „ökologischen Krise“ zu sprechen – eigentlich sogar von einer „sozial-ökologischen Krise“[4], denn das eine lässt sich nicht vom anderen getrennt betrachten! Doch alle sprachen von einer Zukunft, die – vielleicht wegen der noch nicht überschrittenen, aber bevorstehenden Jahrtausendwende – noch fern zu sein schien. Für die einen bedeutete dies, dass ja noch kein Handlungsbedarf besteht. Für andere barg dies noch die Zuversicht in sich, dass ja noch genügend Zeit bleibt, um zu handeln.

Heute

Heute nun, inzwischen mitten im Jahr 2016, ist vieles Geschichte.

Der „Kalte Krieg“ ist beendet – wie es scheint, allerdings nur, um zahlreichen „heißen“ Kriegen und Bürgerkriegen Platz zu machen. Diese gab und gibt es dann auch schon wieder zeitweise in Europa (ehemaliges Jugoslawien und in jüngster Vergangenheit in der Ukraine). Neu ist, dass der Respekt vor einer Ausweitung von kriegerischen Auseinandersetzungen auf ganz Europa nun auf breiter Front zu schwinden scheint. Und als Folge all dieser global stattfindenden Kriege sind weltweit viele Millionen Menschen auf der Flucht vor Terror und Gewalt.

Auch die deutsche Teilung ist Geschichte. Deutschland ist nun glücklicherweise seit mehr als 25 Jahren wiedervereinigt. Doch beschämenderweise betreibt das wieder „große“ Deutschland nun auch wieder Außenpolitik gestützt auch auf militärische Mittel und Optionen – eine Außenpolitik, die häufig vorrangige Wirtschaftspolitik ist.[5]

Insofern bleibt es fraglich, wie weiter der Fortschritt reicht, den das (in jedem Fall aber zu begrüßende!) Ende des Kalten Krieges gebracht hat.

Die Prognosen des Wissenschaftsberichtes aus 1972 haben sich hingegen in vielen Bereichen bestätigt. Am gravierendsten ist dies inzwischen bei einem Phänomen der Fall, was seinerzeit noch keine ausführliche Erwähnung fand: die die bekannte Biosphäre bedrohende, menschenverursachte Erderwärmung (auch als Klimawandel bezeichnet).

In seinem mittlerweile fünften Sachstandsbericht beschreibt 2014 der 1988 von der UN gegründete Weltklimarat (IPCC) inzwischen eine dramatische Situation, die vernünftigerweise keinen Raum mehr für taktische Gedanken lässt – vernünftigerweise! Und auch die realen klimatischen Ereignisse lassen dafür keinen Raum mehr – vernünftigerweise: Einige Inselstaaten bereiten sich schon auf das Verlassen ihrer im wahrsten Sinne des Wortes untergehenden Heimat vor. Hunger und Dürre – durch diese ökologische Krise verursacht – treiben weltweit weitere Millionen Menschen in die Flucht aus ihrer Heimat. An Zahl und Ausmaß zunehmende Extremwetterereignisse bedrohen verstärkt auch die Gebiete der westlichen Industrienationen. Und vieles mehr … [6]

Und doch handelt die Mehrheit von Verantwortungsträgern (im weitesten Sinne!) weltweit so, als hätten wir noch „alle Zeit der Welt“. Wachstum und Gewinne, Reichtum und Macht, dass ist unverändert das „goldene Kalb“, um das – häufig rabiat und rücksichtslos – getanzt wird.

„Das Morgen ist schon im Heute vorhanden, aber es maskiert sich noch als harmlos, es tarnt und entlarvt sich hinter dem Gewohnten. Die Zukunft ist keine sauber von der jeweiligen Gegenwart abgelöste Utopie: die Zukunft hat schon begonnen. Aber noch kann sie, wenn rechtzeitig erkannt, verändert werden.“ [7]

Robert Jungk

Was sind nun aber unsere dringlichsten Aufgaben? Was ist jetzt wesentlich?

Zum einen der Schutz der Menschen in der Gegenwart! Wir müssen allen Menschen ein menschenwürdiges Dasein ermöglichen.

Zum anderen der Schutz der Menschen in der Zukunft! Wir müssen unseren Nachfahren die Möglichkeit erhalten, menschenwürdig zu leben und selbst zu bestimmen, wie sie wo leben wollen.

Der Schutz der Menschen in der Gegenwart bedeutet, dass jeder Art von Gewalt und bewaffnetem Konflikt entgegengewirkt werden muss, dass Hunger beseitigt wird und dass Menschen in Not geholfen wird. Ob sie nun vor der Gewalt fliehen oder vor dem Hunger. Die Keimzellen für diese Arbeit müssen wir als liebende[8] Menschen sein. Alle Gewalt hat ihren Ursprung im unreflektierten, lieblosen Umgang mit uns selbst und unseren unmittelbaren Mitmenschen – die Eltern mit ihren Kindern, der Freund mit dem Freunde, der Chef mit seinen Mitarbeitern, die Gesellschaft mit ihren schwächsten Gliedern, … Hier also muss ein jeder von uns beginnen.

Für den Schutz der Menschen in der Zukunft ist Klima- und Umweltschutz oberstes und drängendstes Gebot! Auch hier ist letztlich ein liebevolleres Handeln gefordert – nur etwas abstrakter erkennbar. Denn jede meiner Handlungen in der Welt von heute bewirkt etwas in der Welt von morgen. Diese Wirkung wird dann unmittelbar auf die dann lebenden Menschen treffen und ihnen Freiheiten nehmen oder lassen – sie also lieblos oder liebevoll behandeln. Hoffentlich am schnellsten einleuchten wird diese Gegebenheit, wenn wir an unsere direkten Kinder denken – die eigenen oder die als Mitmensch auch in meine Verantwortung mit überlassenen. Wer wünscht seinen Kindern schon eine Zukunft mit zunehmender Wasserknappheit, Rohstoffarmut, von sengender Hitze verdorrten Böden und ständiger Bedrohung durch Gewalt und Krieg? Genau das aber zeichnet sich als deren Zukunft ab – ja, schon der heute lebenden Kinder!

Beides sollten wir uns alle vor Augen halten, wenn wir über unser Dasein und unsere Aufgaben in der Welt nachdenken. So interessant und wichtig eine noch freiere Gesellschaft in der Zukunft auch sein kann. Für den Augenblick genügt es, den Status Quo zu erhalten (was schwierig genug ist).[9] Ich muss an dieser Stelle einem sehr guten Freund zustimmen, der mich jüngst in einem unserer zahlreichen Gespräche über die aktuelle politische und gesellschaftliche Lage darauf aufmerksam machte, dass es unsere aktuelle Aufgabe nur noch sein kann, den Menschen in der Zukunft überhaupt ein Leben zu ermöglichen – und damit dann auch die Möglichkeit, die Geschichte des Fortschritts einer freien und menschenwürdigen Gesellschaft fortzuschreiben. Die Menschen der Zukunft müssen (und wollen sicher auch) dann selbst entscheiden, wie sie zusammenleben werden. Was wir aber in der Hand haben, ist, ihnen überhaupt die Freiheit einer Entscheidung zu vererben.

Und hierfür müssen wir alle zusammenbringen, die sich dieser Verantwortung bewusst sind. Egal ob sie dem – demokratisch gebändigten – Kapitalismus eher zugeneigt sind oder ihn eher als eine der Ursachen unserer gegenwärtigen großen Probleme sehen. Vereinfacht gesagt: Jeder und jede, der und die sich seiner und ihrer großen Verantwortung für seine und ihre Mit- und Nachwelt bewusst geworden ist, ist willkommen und sollte mit uns an den genannten Aufgaben arbeiten. Nur so wird es noch ein „nach uns“ geben können!

… Der Anspruch der Situation an den Menschen scheint in der Tat von der Art, daß nur ein Wesen, das mehr als Mensch ist, ihm Genüge tun kann. Die Unerfüllbarkeit des Anspruchs kann verführen, ihn zu umgehen, sich einzurichten auf das nur Gegenwärtige und seinen Gedanken eine Grenze zu setzen. Wer alles in Ordnung glaubt und dem Weltlauf als solchem traut, braucht nicht erst Mut zu haben … Auf echte Weise hat Mut, wer aus Angst im Erfühlen des Möglichen zugreift in dem Wissen: nur wer Unmögliches will, kann das Mögliche erreichen. Die Erfahrung der Unerfüllbarkeit in dem Versuchen der Erfüllung kann allein verwirklichen, was dem Menschen aufgegeben ist zu tun.“ [10]

Karl Jaspers (1932)

Wolfenbüttel, im Juli 2016 (mit Unterbrechung ausgearbeitet seit Januar 2016)

Verweise

[1] Václav Havel, zitiert nach: Andreas Weber u. Daniel Rosenthal (Fotos), „Nur draußen ist er mittendrin“, greenpeace magazin 06/2015, S. 42.

[2] Oder 12016 HE (Holozen-Ära) in einer religionsfreien, die Menschheit als Ganzes berücksichtigenden Zeitrechnung zu sprechen. So sinnvoll mir das prinzipiell erscheint, so wenig praktisch (also verständlich) wäre es allerdings im Moment (und bis auf weiteres). Weitere Informationen hierzu: https://de.wikipedia.org/wiki/Holoz%C3%A4n-Kalender

[3] Neben der für sich schon grauenvollen Vernichtung von Millionen Menschen jüdischer Abstammung wurden von der deutschen Vernichtungsindustrie auch unzählige Menschen anderer Abstammung wie Sinti und Roma oder politisch anders Denkende gefoltert und ermordet. Zudem gab es ähnlich menschenverachtende Vorgänge unvorstellbaren Ausmaßes auch auf dem anderen Schauplatz des Zweiten Weltkrieges, dem von Japan eroberten und unterdrückten Teilen Asiens wie z. B. in China.

[4] Mit dem Begriff „ökologische Krise“ ist eine Zusammenfassung aller Umwelt- und der damit in Wechselwirkung stehenden Gesellschaftskrisen gemeint; vgl. Rainer Elsner: Ökologie in Lehre und Forschung. Hochschulreihe Band X. Wolfenbüttel: Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel, 1994, S. X u. 17 ff.

[5] Zur militärisch gestützten deutschen Außenpolitik hatte ich anlässlich des Rücktritts von Bundespräsident Köhler seinerzeit bereits ein paar „Gedanken zum Zeitgeist“ veröffentlicht, vgl. Rainer Elsner: „Tapfer sterben für …“, Ostfalen-Spiegel, 10.06.2010 (https://www.ostfalen-spiegel.de/tapfer-sterben-fur/).

[6] Einen sehr umfassenden und fundierten Sachstandsbericht, der auf seinen 778 Seiten auch historische Zusammenhänge und Entwicklungen aufzeigt und dennoch kurzweilig zu lesen ist, liefert das 2015 veröffentlichte Buch des Direktors des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK): Hans Joachim Schellnhuber: Selbstverbrennung: Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff. München: C. Bertelsmann, 2015

[7] Robert Jungk: Die Zukunft hat schon begonnen. Stuttgart: Scherz & Goverts, 1952, S. 17; zitiert nach „Vernetzung von Zukunftswerkstätten“ https://www.zwnetz.de/Jungk/50.html?#Anchor-Bottom

[8] An solcher Stelle von der Liebe zu reden mag ungewöhnlich erscheinen. Doch Mangel an Liebe ist möglicherweise der Kern des Problems. An dieser Stelle reicht der Platz nicht aus, dies tiefergehend zu erörtern, aber dieser kleine Hinweis ist notwendig. Wir geben uns lieber irgendwelchen gekränkten Eitelkeiten, Machtspielen und Egoismen hin – mitunter im Zweifel bis aufs Blut, als uns auf das Wesentliche zu besinnen. Uns darauf zu besinnen, was uns in diese Welt gebracht hat und unserem Leben überhaupt Sinn verleiht: die uns letztlich positiv mit allem Lebenden verbindende Liebe.

[9] Dass der Status Quo zumindest in Deutschland wenigstens in der Theorie unserer Verfassung eine unverändert bedeutende und schützenswerte Errungenschaft darstellt, habe ich in meinen „Gedanken zum Zeitgeist“ vom 23. Mai 2011 dargelegt, vgl. Rainer Elsner: „Begründung einer Hoffnung …“, Ostfalen-Spiegel, 23.05.2011 (https://www.ostfalen-spiegel.de/v-begrundung-einer-hoffnung/).

[10] Karl Jaspers: Die geistige Situation der Zeit: von Prof. Dr. Karl Jaspers. 9. Abdr. der im Sommer 1932 bearb. 5. Aufl. Berlin, New York: Walter de Gruyter, 1999 [(1) 1932], S. 134 f.

Bildnachweis

Bild und Text zum Bild: Ghostwriter123, via de.wikipedia.org, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Gedanken zum Zeitgeist

In den Gedanken zum Zeitgeist erscheinen in loser Folge kritische Kommentare zur aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklung in Deutschland und der Welt. Die einzelnen Gedanken zum Zeitgeist fokusieren in der Regel ein Thema und setzen auch unterschiedliche Schwerpunkte.  Grundsätzliche Standpunkte wie auch der philosophische Unterbau werden dabei nicht jedes Mal neu dargelegt. Für ein besseres Verständnis der Basis der geäußerten Kritik ist es also sinnvoll, nach und nach alle Gedanken zum Zeitgeist zu lesen und auch die Seite Ostfalen-Spiegel.

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Juli 11

REKA: Gründung der Regionalen Energie- und Klimaschutzagentur e.V.

Gründung der Regionalen Energie- und Klimaschutzagentur e.V.

REKA-Pressemitteilung vom 08. Juli 2014

Schöppenstedt, 08.07.2014. (reka) Nach intensiver Vorbereitung wurde nun in Schöppenstedt die Regionale Energie- und Klima-schutzagentur e.V. gegründet. Das Interesse war groß als Detlev Prescher, Stadtdirektor der Stadt Schöppenstedt und Kämmerer der Samtgemeinde Schöppenstedt, die Zuhörer im großen Sitzungssaal des Rathauses in Schöppenstedt begrüßte. „Wir sind glücklich, dass wir mit unserer Entscheidung ein Klimaschutz-Konzept zu erstellen, Impulse in der Region geben konnten.“ Seit Dezember 2011 arbeitet Dipl.-Ing. Heiko Hilmer als Klimaschutz-Manager der Stadt Schöppenstedt in Teilzeit für die Stadt und ehrenamtlich über seine Arbeitszeit hinaus daran, die 68 Maßnahmen, deren Wirkung sich nicht nur auf die Stadt Schöppenstedt begrenzen, umzusetzen. „Natürlich kann dieses große Projekt nicht in drei Jahren abgeschlossen werden, die bisherigen Aktivitäten können nur ein Anfang sein!“, so Prescher weiter. „Umsomehr freuen wir uns, dass nun der Verein mit Gründungsmitgliedern und Kooperationspartnern aus dem gesamten Zweckverbandsgebiet gegründet wurde. So können wir unsere Klimaschutzaktivitäten bedarfsgerecht und langfristig weiter fortführen und die Angebote des Vereins nutzen, wenn wir es brauchen.“, freut sich Prescher.

Die Startergruppe hat langjährig für den Klimaschutz aktive Menschen, Vereine, Organisationen und Unternehmen angesprochen und nun mit Privatpersonen den Verein gegründet. „Wir wollen den Verein personell und finanziell so ausstatten, dass die vielfach ehrenamtlich geführten Klimaschutz- Projekte der Region eine professionelle und dauerhafte Unterstützung bekommen. „Der Klimaschutz ist keine Aufgabe die man ehrenamtlich erledigen kann!“, erklärt Hilmer, der zum 1. Vorsitzenden des Vereins gewählt wurde. „Uns ist wichtig, die Interessen der Bürger in den Vordergrund zu stellen. Daher nehmen wir zwar auch gern Unternehmen in den Verein auf, aber ohne Stimmrecht.“ stellt Hilmer fest. In seiner Darstellung des Vereinskonzeptes beschreibt Hilmer, dass der Verein keine Gegenveranstaltung zu bestehenden Aktivitäten, zum Beispiel der Allianz für die Region GmbH oder des Zweckverbandes Großraum Braunschweig sein soll. Vielmehr will der Verein bestehende Aktivitäten unterstützen und da ergänzen, wo Lücken sind. „Klimaschutz ist keine Aufgabe der finanzkräftigsten Interessensgruppe. Klimaschutz ist gewaltiges Gemeinschaftsprojekt!“, so Hilmer, „Und es ist eine verdammt umfangreiche Aufgabe, die eine Interessensgruppe nicht allein allumfassend erledigen kann.“.

Auf Landes- und Landkreisebene gibt es in Deutschland fast flächendeckend Klimaschutzagenturen oder mindestens Energieagenturen, oft aus den politischen Gremien heraus organisiert und finanziert. Die Aufgaben sind zumeist Öffentlichkeitsarbeit, Vernetzung von Akteuren und Beratungen. Nicht selten werden auch die öffentlichen Liegenschaften untersucht und Sanierungskonzepte erstellt und umgesetzt. Die REKA will darüber hinaus noch einiges mehr anbieten. Besonders hervorzuheben ist der Bereich Projektentwicklung. Hier sollen Machbarkeitsstudien finanziert werden um die Realisierbarkeit von Projektideen zu prüfen, die dann zu Unternehmensgründungen mit neuen Arbeitsplätzen führen sollen.

„Und selbstverständlich wollen wir keine Räder neu erfinden, sondern die Projekte aus der Region, die an einem Ort erfolgreich umgesetzt wurden an anderen Orten wiederholen. Wenn man die Informationsveranstaltungen, Ausstellungen, Beratungsprojekte und Energieerzeugungsprojekte aus unserer Region auflistet, findet man schon sehr viel von dem was die Region braucht. Aber das eine leider nur in Goslar, das nächste in Gifhorn, Wolfenbüttel oder Wolfsburg und in jeder Stadt bzw. jedem Landkreis. Es gibt bisher keinen oder wenig Projekttransfer.“, erklärt Lutz Seifert, Schatzmeister des Vereins.

Starten wird der Verein unter anderem mit einer Ausstellung, die zurzeit am Standort Braunschweig vorbereitet wird. „Die Verhandlungen mit mehreren Vermietern laufen auf Hochtouren. Wir planen ca. 3.000 m² Ausstellungsfläche zu den Themen Energie und Klimaschutz mit Seminarräumen und Büroflächen in Kooperation mit einer Betreibergesellschaft aufzubauen. Das wird ein zentraler Anlaufpunkt für beratungssuchende Sanierer und Bauherren. Es wird unabhängige Beratung von hiesigen Energieberatern geben und in einer Gewerbeschau gibt es dann konkrete Informationen zur Umsetzung mit möglichst regionalen Produkten.“, beschreibt Uwe Geisler, 2. Vorsitzender des Vereins, die fortgeschrittenen Aktivitäten. Neben dem Bereich Energie sollen aber auch Lösungen und Denkansätze aus weiteren klimaschutzrelevanten Bereichen dargestellt werden. „Bio- Lebensmittel aus der Region, solidarische Landwirtschaft, Mobilität im ländlichen Raum, Elektromobilität, Abfallvermeidung und Recycling und und und … die Aufgabe ist sehr umfangreich“, so Geisler weiter.

Zurzeit wird die Gründung abgeschlossen und die erste Mitgliederversammlung vorbereitet, in der z.B. die Beitragsordnung beschlossen werden soll. „Dann werden wir weitere Mitglieder aufnehmen, es haben sich schon zahlreiche Interessenten angemeldet. Zusammen mit den bereits aktiven Gruppen in der Region werden wir uns dann zügig an die Umsetzung der vielen Projektideen machen“, freut sich Hilmer auf die bevorstehenden Aufgaben. Interessenten können mit dem Verein Kontakt aufnehmen unter kontakt@r-eka.de.

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April 20

Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind

Richard Wikinson, Kate Pickett

Gleichheit ist Glück

Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind

Aus dem Englischen von Edgar Peinelt und Klaus Binder.

Frankfurt am Main: Tolkemitt Verlag bei Zweitausendeins, 2012.

4. Auflage

Gebunden, 368.

ISBN: 978-3-942048-09-5

Angaben des zur Rezension vorliegenden Buches.

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Kurzrezension:

Die britischen WissenschaftlerInnen haben für ihr aufschlussreiches Buch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen, Umfragen und Statistiken zu Gesundheit, Kriminalität, Vermögensverteilung und ähnlichem mehr ausgewertet und die Ergebnisse allgemeinverständlich dargelegt. Die wichtigste Aussage des Buches ist: In Gesellschaften, die gleicher und also gerechter sind, geht es allen Mitgliedern der Gesellschaft besser. Eine gerechtere Gesellschaft müsste also eigentlich das Ziel aller ihrer Mitglieder sein. Glücklicher und Zufriedener sind besonders reiche Menschen ohnehin nicht. Ab einem bestimmten Niveau des materiellen Wohlstandes verbessert sich die Zufriedenheit der Menschen nicht mehr.

Verlagsinformationen:

(Auszug, weitere Informationen mit einem Video finden Sie bei Tolkemitt im Internet)

In jahrzehntelanger Forschung haben die beiden empirische Daten gesammelt und ausgewertet, anhand derer sie den Einfluss der Ungleichheit auf eine Vielzahl der drängendsten sozialen Probleme entwickelter Gesellschaften untersuchen. Die geistige Gesundheit oder der Drogenkonsum der Mitglieder einer Gesellschaft, Lebenserwartung, Gesundheit, Übergewicht, Bildung, die Geburtenrate bei Minderjährigen, die Verbrechensrate und nicht zuletzt die soziale Mobilität: All diese Phänomene hängen statistisch eindeutig davon ab, wie ungleich die Einkommens- und somit Chancenverteilung einer Gesellschaft ist.

Ab einem gewissen Einkommensniveau, das etwa auf der Höhe dessen von – ausgerechnet – Kuba liegt, ist es eben nicht mehr die Höhe des Durchschnittseinkommens, die es den Menschen immer bessergehen lässt, sondern die Verteilung des Einkommens: Die USA sind wohlhabender und geben pro Kopf mehr für ihr Gesundheitswesen aus als jedes andere Land. Trotzdem hat ein Baby, das in Griechenland geboren wird, wo das Durchschnittseinkommen nur halb so hoch ist wie in den USA, ein geringeres Risiko, als Säugling zu sterben und eine höhere Lebenserwartung. Übergewichtigkeit kommt in Großbritannien doppelt so häufig vor wie in Schweden oder Norwegen und sechsmal häufiger in den USA als in Japan.

Was ist es aber genau, was sich in Gesellschaften mit relativ großer sozialer Ungleichheit so verheerend auswirkt? Die Folgen der Statusangst, der Stress den Hierarchie (denn nichts anderes ist Ungleichheit) erzeugt: Indische Kinder aus niedrigeren Kasten schneiden bei kognitiven Tests schlechter ab, wenn sie ihre Herkunft vor dem Test offenlegen müssen; Baboon-Affen hohen Ranges weisen stark gestiegene Stresshormon-Werte auf und werden öfter krank, wenn sie in eine Gruppe verlegt werden, in der sie nicht mehr dominieren. Der Stress der Statusangst macht krank, dick und drogensüchtig, er entlädt sich in Gewalttaten und führt zu Misstrauen in der Gesellschaft. Er fördert das Konsumdenken, und das Wettrüsten der Statussymbole erzeugt wiederum Stress auf allen Ebenen der Gesellschaft.

Was braucht unsere Gesellschaft also? Mehr Wachstum? Nein, mehr Gleichheit des Geldes und der Chancen.

März 31

Neuer IPCC-Bericht: BUND fordert Tempolimit, mehr Energieeffizienz, EU-weit minus 60 Prozent CO2 bis 2030

Neuer IPCC-Bericht mit drastischen Warnungen vor Klimawandel

BUND fordert Tempolimit, mehr Energieeffizienz, EU-weit minus 60 Prozent CO2 bis 2030

BUND-Pressemitteilung vom 31. März 2014

Berlin / Yokohama, 31.03.2014. (bund) Gletscherschmelze, Meeresspiegelanstieg, Hitzewellen, Hungersnöte, Bürgerkriege… Angesichts der heute veröffentlichten Prognosen des Weltklimarates forderte der Vorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger, auch auf nationaler Ebene verstärkte Anstrengungen beim Klimaschutz. Es sei an der Zeit, endlich Tempolimits auf Autobahnen und Landstraßen einzuführen, den Energieverbrauch entscheidend zu verringern sowie auf internationaler und europäischer Ebene auf ambitionierte Ziele zur Verringerung der Treibhausgase zu dringen. Weiger nannte ein EU-weites Ziel von minus 60 Prozent CO2 bis 2030.

Weiger: „Es schadet nicht, wenn Umweltministerin Barbara Hendricks jetzt ein Sofortprogramm zum Klimaschutz ankündigt. Ihre Chefin, Bundeskanzlerin Angela Merkel, ist in letzter Zeit ja eher mit Blockaden gegen die Verringerung von Treibhausgasen aufgefallen. Merkel blockierte strengere Grenzwerte für neue Pkw, stärkere Anstrengungen zum Energiesparen durch mehr Effizienz und mehr Klimaschutz im Flugverkehr. Es ist die sogenannte Realpolitik, die der erforderlichen Verringerung der CO2-Emissionen im Wege steht. Die Politik muss die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Klimaforscher endlich zur Kenntnis nehmen und sich daran orientieren“, sagte der BUND-Vorsitzende.

„Der globale Klimaschutz hängt von der erfolgreichen Fortführung der Energiewende bei uns ab. Je schneller der Ausstieg aus fossilen Energieträgern gelingt, desto besser für das Klima. Bremst die Bundesregierung die Energiewende ab, werden Klimakatastrophen wahrscheinlicher“, sagte Weiger.

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März 28

Weltklimabericht Teil 2: NABU sieht keinen Anlass zur Entwarnung

Weltklimabericht Teil 2: NABU sieht keinen Anlass zur Entwarnung

Miller: Auswirkungen auf die Natur sind in Deutschland längst Realität

NABU-Pressemitteilung vom 28. März 2014

Berlin / Yokohama, 28.03.2014. (nabu) Der Weltklimarat IPCC veröffentlicht am 31. März in Japan den zweiten Teil des aktuellen Sachstandsberichts zu den globalen Auswirkungen des Klimawandels. „Rechtzeitig vor der entscheidenden Runde der UN-Klimaverhandlungen nächstes Jahr in Paris hält uns die Wissenschaft vor Augen, wie verwundbar unsere Erde gegenüber den bereits heute stattfindenden Klimaveränderungen ist. Für Europa benennt der neue Weltklimabericht Überschwemmungen an Flüssen und Küsten, Wassermangel und Hitzewellen als Schlüsselrisiken, auf die sich Natur und Menschen auch in Deutschland einstellen müssen“, so NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller.

Obwohl der Bericht offen lässt, in welchem Ausmaß das weltweite Artensterben bereits auf den Klimawandel zurückzuführen ist, sieht der NABU keinen Anlass zur Entwarnung. „Für Arten, die schon durch intensive Land- und Forstwirtschaft bzw. die Belastung ihrer Lebensräume mit Schadstoffen stark beeinträchtigt sind, kommt der Klimawandel dann noch erschwerend hinzu. Wir müssen damit rechnen, dass sich die Natur, so wie wir sie kennen, rasch und deutlich verändert“, warnte Leif Miller. Durch den in unseren Breiten zeitiger einsetzenden Frühling kämen beispielsweise Zugvögel wie Trauerschnäpper und Gartenrotschwanz, die südlich der Sahara überwintern, erst in ihren Brutgebieten an, wenn viele Nistgelegenheiten bereits belegt sind.

Klar ist auch, dass Extremwetterereignisse durch den Klimawandel weiter zunehmen werden, wodurch auch die Gefahr von Überschwemmungen steigt. „Natürliche Auen und Feuchtgebiete können dabei helfen, die Schäden durch Hochwasser zu reduzieren. Wie ein Schwamm nehmen sie das Wasser nach Starkniederschlägen auf, speichern es und geben es in der Folge langsam wieder ab. So tragen sie ebenso dazu bei, in Zeiten längerer Trockenzeit das Wasserangebot zu verbessern“, weist NABU-Naturschutzexperte Till Hopf auf den Beitrag des Naturschutzes für die Anpassung an den Klimawandel hin. Der NABU appelliert daher an Bund und Länder, verstärkt in die Renaturierung von Flüssen und Auen zu investieren. „Mit der Aufstellung des neuen Bundesprogramms Blaues Band und des Nationalen Hochwasserschutzprogramms sollte die Politik die einmalige Chance nutzen, sich besser auf die Folgen des Klimawandels in Deutschland vorzubereiten“, so Hopf.

März 27

BUND: Neuer IPCC-Bericht prognostiziert Auswirkungen des Klimawandels auf Mensch und Natur – auch in Deutschland

Neuer IPCC-Bericht prognostiziert Auswirkungen des Klimawandels auf Mensch und Natur – auch in Deutschland

BUND-Pressemitteilung vom 27. März 2014

Berlin / Yokohama, 27.03.2014. (bund) Der Vorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger, mahnte anlässlich des in den nächsten Tagen zur Veröffentlichung anstehenden neuen IPCC-Berichts des Weltklimarates verstärkte Anstrengungen beim Klimaschutz an. Die in dem Bericht prognostizierten Folgen der globalen Klimaerwärmung wie häufigere Hochwasser, Trockenperioden, Hurrikans und extreme Wetterereignisse würden zu unkalkulierbaren sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Problemen führen. Der vorhergesagte weltweite Anstieg des Meeresspiegels mache weite Küstenregionen unbewohnbar, zunehmende Dürren würden zu Wasser- und Lebensmittelknappheit führen.

Auch in Deutschland sei der Klimawandel inzwischen spürbar, sagte Weiger. Schmelzende Gletscher in den Alpen, regelmäßig wiederkehrende Hochwasser, Hitzewellen und die wachsende Gefährdung vieler Tier- und Pflanzenarten gehörten zu den Auswirkungen. Negative Folgen habe die Klimaerwärmung vor allem für Fische und Insekten, die Vegetation und die Landwirtschaft. Begünstigt werde auch die Ausbreitung von Zecken. Anpassungsschwierigkeiten bekämen vor allem Arten, die kühle Lebensräume bevorzugten. Alpenschneehühner, kälteresistente Libellen- oder Schmetterlingsarten könnten nicht beliebig Richtung Norden ausweichen. „Wird die Klimaerwärmung nicht gestoppt, gilt der Verlust von einem Drittel der in Deutschland heimischen Arten innerhalb der nächsten Jahrzehnte als wahrscheinlich“, warnte der BUND-Vorsitzende.

Die Bundesregierung und die EU müssten endlich weitergehende Ziele zur Reduzierung der Treibhausgase vereinbaren, sagte Weiger. Das würde auch andere Staaten motivieren, ihre Anstrengungen beim Klimaschutz zu erhöhen. „Die CO2-Minderungsziele sämtlicher Staaten der EU und weltweit müssen sich an den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Klimaforscher und nicht länger an der sogenannten Realpolitik ausrichten“, sagte der BUND-Vorsitzende. Erforderlich sei eine Reduzierung der CO2-Emissionen in der EU um 60 Prozent bis 2030. Nur dann leisteten die europäischen Staaten einen angemessenen Beitrag, damit es im kommenden Jahr in Paris zum Abschluss eines neuen globalen Klimaschutzabkommen kommen könne.

„Von der erfolgreichen Fortführung der Energiewende bei uns hängt der globale Klimaschutz direkt ab. Je schneller Deutschland und möglichst viele andere Staaten den Ausstieg aus fossilen Energieträgern schaffen, desto besser für das Klima. Bremst die Bundesregierung die Energiewende aus, werden Klimakatastrophen wahrscheinlicher“, sagte der BUND-Vorsitzende.

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Dezember 16

Ein guter Vorsatz für 2014 – Leuchtende Kinderaugen werden es uns danken

Ein guter Vorsatz für 2014: Lasst Wolfenbüttel* klimafreundlich werden

Leuchtende Kinderaugen werden es uns danken!

Ein besinnlicher Kommentar – im Ostfalen-Spiegel

Von Rainer Elsner

Es ist kurz vor Weihnachten, das Jahr neigt sich dem Ende zu. In wenigen Tagen dürfen viele von uns wieder in leuchtende Kinderaugen schauen. Wir beschenken unsere Kinder, weil wir sie lieben. Und sie danken es uns mit der ansteckenden Freude im Ausdruck ihres strahlenden Lächelns. Nutzen wir diese besinnliche Zeit und schenken wir nicht nur unseren Kindern etwas, sondern auch deren Kinder und Kindeskinder. Schenken wir Ihnen eine Zukunft! Schenken wir Ihnen eine Welt, in der Menschen auch morgen noch leben können.

Diese Welt der Zukunft, die ich mir als eine solidarische Gesellschaft aus warmherzigen Menschen vorstelle, die mit ihrer Mitwelt im (notwendigen) Einklang leben. Diese Welt der Zukunft hat viele Facetten. Für ihre Verwirklichung stehen wir vor unzähligen Aufgaben, sozial, ökologisch, menschlich. Eine wichtige, ja notwendige Aufgabe ist der Erhalt der Leben ermöglichenden Biosphäre.

Doch diese Biosphäre ist ernsthaft bedroht! Trotz Vernunftbegabung und der Fähigkeit zur Vorausschau zerstören wir seit vielen, vielen Jahrzehnten das, was wir zum Leben unabdingbar brauchen: die unser Leben überhaupt erst ermöglichenden natürlichen Lebensgrundlagen. Seit mindestens vier Jahrzehnten ist die fatale Entwicklung Bestandteil einer öffentlichen Diskussion. Alle wissen wir darum. Alle können wir auch sehen, dass wir mit dafür verantwortlich sind. Doch was tun wir? Wir streiten um Pkw-Maut, EEG-Umlage und Windräder.

Bei allem Verständnis für die Ängste und Sorgen der Menschen, die sich hier vor Ort zum Beispiel gegen die Windparkplanung am Stadtrand von Wolfenbüttel auflehnen. Diese Ängste und Sorgen müssen ernst genommen werden und – wo es begründet ist! – auch Einfluss auf die Planung nehmen (was hier auch stattfindet). Doch wenn diese Menschen das gleiche Engagement für den Erhalt der Zukunft unserer Kinder aufbringen würden, würde es schon ein gutes Stück besser darum stehen – und die Kinderaugen leuchten dann auch noch in hundert Jahren. Unsere Kinder und Kindeskinder werden uns später viel mehr daran messen, was wir gegen den Klimawandel und den Ressourcenverbrauch getan haben, als daran, wie viele Windräder wir verhindert haben. Da bin ich mir absolut sicher. Hören wir also lieber auf mit übertriebenen Dramatisierungen, unfreundlichen Beschimpfungen und haltlosen Korruptionsvorwürfen.

Alle Berichte des IPCC (Klima-Wissenschaftsrat der UN) und anderer seriöser Institutionen zeichnen seit Jahren ein sich gefährlich entwickelndes Zukunftsbild – wenn wir nicht endlich alle handeln. Die Zukunft unserer Kinder liegt also in unserer Verantwortung!

Mein Appell an alle und meine Einladung an die Menschen hier vor Ort ist es deshalb, lasst uns gemeinsam nach Lösungen suchen, lasst die Region Wolfenbüttel zu einem wirklich klimafreundlichen Ort in der Welt werden. Damit das gelingt, müssen wir auch alle unseren Beitrag leisten – jeder und jede nach seinen Möglichkeiten. Dazu gehören kleine Solaranlagen genauso wie auch große Windräder, Energiesparen genauso wie Fahrrad- und Busfahren oder die Versorgung mit Nahrungsmitteln aus der Region oder dem eigenen Garten. Manches kann jeder für sich tun, anderes geht nur in der Zusammenarbeit einer Gruppe (Familie, Stadtteil, Verein, Betrieb, …). Die vielen bereits stattfindenden Maßnahmen der öffentlichen Verwaltungen sind ein guter Anfang. Doch der Einfluss der Verwaltung hat seine Grenzen und reicht allein nicht aus. Auch weitere private Initiativen sind also dringend gefragt.

Folgen wir endlich unserer Vernunft und zeigen wir Verantwortungsbewusstsein. Packen wir es an – leuchtende Kinderaugen werden unser Lohn sein!

Wolfenbüttel, im Dezember 2013

*und andere Orte

Weitere Informationen

Links zu Informationen und Initiativen

Stadt Wolfenbüttel 27. Sitzung des Ausschusses für Bau, Stadtentwicklung und Umwelt der Stadt Wolfenbüttel mit Beschlussvorlage der Stellungnahme der Stadt Wolfenbüttel zur Windkraft-Potentialfläche zwischen Ahlum und Dettum (TOP 5 u. TOP 5.1)

Zweckverband Großraum Braunschweig – Planung der Windkraftpotentzialflächen im Verbandsgebiet

Zweckverband Großraum Braunschweig – Solarpotentialkataster Großraum Braunschweig

Klimaretter.info

Greenpaece-Magazin

Jüngste Presseartikel und Leserbriefe

wolfenbuettelheute.de

https://wolfenbuettelheute.de/windpark-buergerbelange-contra-allgemeinwohl/

https://wolfenbuettelheute.de/windpark-ahlum-vorhaben-sorgt-weiter-fuer-erhitze-gemueter/

https://wolfenbuettelheute.de/zbg-informiert-ueber-windparkplanungen-ueber-100-buerger-zeigen-die-rote-karte/

Wolfenbütteler Zeitung

https://www.wolfenbuetteler-zeitung.de/lokales/wolfenbuettel/die-stadt-befuerwortet-den-windpark-id1251873.html

https://www.wolfenbuetteler-zeitung.de/lokales/wolfenbuettel/korruptionsvorwuerfe-geaeussert-ueberfluessige-vorwuerfe-id1251298.html

https://www.wolfenbuetteler-zeitung.de/debatte/leserbriefe/debatte_leserbriefe_wolfenbuettel/nutzung-von-windkraft-in-der-region-id1252896.html

Artikel des Ostfalen-Spiegel zum gesamten Thema

in zeitlicher Abfolge vom jüngsten zum ältesten Artikel

Wolfenbüttel

https://www.ostfalen-spiegel.de/2012/in-wolfenbuttel-stellungnahme-zum-energetischen-quartierskonzept-ahlumer-siedlung/

Windenergie (Wolfenbüttel)

https://www.ostfalen-spiegel.de/2012/kritik-der-argumente-gegen-windkraftanlagen/

https://www.ostfalen-spiegel.de/2012/denkanstose-zu-einem-windpark/

Energie (und mehr) übergreifend

https://www.ostfalen-spiegel.de/2013/die-deutsche-energiewendepolitik-ist-ein-verantwortungsloser-etikettenschwindel/

https://www.ostfalen-spiegel.de/2013/denn-die-energiewende-darf-nicht-scheitern/

https://www.ostfalen-spiegel.de/2013/eine-okonomie-des-glucks/

https://www.ostfalen-spiegel.de/2013/eine-solare-welt/

https://www.ostfalen-spiegel.de/2013/dies-ist-ein-aufruf-zur-revolution/

https://www.ostfalen-spiegel.de/2012/6-2795-gigatonnen-kohlendioxid-wir-werden-verbrennen/

https://www.ostfalen-spiegel.de/2012/studie-verbraucher-zahlen-versteckte-konventionelle-energien-umlage-fur-kohle-und-atomstrom/

https://www.ostfalen-spiegel.de/2012/5-wie-sinnvoll-und-verantwortbar-ist-die-energiesparlampe/

https://www.ostfalen-spiegel.de/2012/viii-energie/

https://www.ostfalen-spiegel.de/2012/wahrscheinlichkeit-von-reaktorunfallen-in-westeuropa-besonders-hoch/

https://www.ostfalen-spiegel.de/2011/vi-wer-das-geld-hat-hat-auch-verantwortung/

https://www.ostfalen-spiegel.de/2011/technik-was-ist-wesentlich/

https://www.ostfalen-spiegel.de/2011/technik-was-ist-wesentlich/

https://www.ostfalen-spiegel.de/2011/ostfalen-spiegel-den-atomausstieg-selber-machen/

https://www.ostfalen-spiegel.de/2011/atomkraft-notstand-in-japan-atomausstieg-beschleunigen/

https://www.ostfalen-spiegel.de/2010/widerstand-gegen-eine-energie-ohne-zukunft/

https://www.ostfalen-spiegel.de/2010/okologie-in-lehre-und-forschung/

Dezember 1

Herzlichen Glückwunsch zu 10 Jahren NachDenkSeiten

Herzlichen Glückwunsch zu 10 Jahren NachDenkSeiten

Ein kurzer Kommentar zur gesellschaftlichen Situation als Gratulation

Von Rainer Elsner

„Nur auf dem Weg der Wahrheit in der Öffentlichkeit kann der politische und wirtschaftliche Gang des Daseins für uns zum Guten führen.“

Karl Jaspers

Das Recht untergrabende Geheimdienste, von deutschem Boden ferngesteuerte Tötungen in fernen Ländern, eine vermeintlich unbezahlbare Energiewende, angeblich überlebenswichtige Konzerne, den Wohlstand erhaltende Waffenexporte, überhaupt der allgegenwärtige „Primat der Ökonomie“ … – die Liste ist lang, wo die Entscheidungen mitunter jenseits unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung und den ihr zugrunde liegenden Menschenrechten gefällt werden – in von Lobbyisten instruierten politischen Gremien oder gleich in ohne jede demokratische Legitimation arbeitenden weltumspannenden Firmen- und Konzernzentralen.

Das funktioniert unter anderem auch, weil die öffentliche Diskussion über solche Entscheidungen in den Medien und anderswo all zu oft einseitig, ohne umfassende Hintergrundinformationen und ohne Weitblick geführt werden. Um es deutlich zu sagen: Nicht nur unsere natürlichen Lebensgrundlagen sind bedroht, auch unsere demokratische, auf den unveräußerlichen Menschenrechten basierende und rechtsstaatlich organisierte Gesellschaft ist bedroht! Mehr noch, zahlreiche verantwortliche Akteure arbeiten seit zum Teil vielen Jahren teils vielleicht sogar vorsätzlich, andere wider besseres Wissen und viele sicher auch ungewollt erfolgreich an ihrem langsamen Verschwinden. Doch das – so mein anderer Eindruck – wollen viele Menschen einfach nicht sehen, andere nehmen es als unvermeidbar gegeben hin und wieder andere sehen es scheinbar gar nicht als Problem an.

Doch, es geht uns alle an. Und wir sind alle aufgerufen, uns dem entgegenzustellen und für eine friedliche, demokratische und naturverbundene Gesellschaft einzusetzen – die eben nicht selbstverständlich ist. Es ist unsere und mehr noch unserer Kinder Gesellschaft und Lebenswelt, um die es geht! Für denjenigen, für den für sich selbst oder für seine Nachkommen Freiheit, körperliche und psychische Unversehrtheit, Leben ohne Angst, eine solidarische Gemeinschaft, Beachtung der Menschenwürde, der Erhalt der lebensnotwendigen Natur, ein eigene Wohnung, genug zu Essen … keine Bedeutung haben, dem mag das ja tatsächlich egal sein können. Alle anderen seine daran erinnert, dass sie (ob sie es glauben oder nicht) schnell selbst betroffen sein können.

Vor dem Handeln steht aber das Wissen und die Information. Um „das Richtige“ tun zu können, müssen wir möglichst alle jeweiligen Hintergründe kennen und müssen wir auch mehr als eine Meinung zu Wort kommen lassen. Das Internet schafft hierfür erfreulicherweise vielfältige Möglichkeiten, kritische Gedanken zu äußern und andernorts verschwiegene Informationen zu veröffentlichen. Ein wichtiger Ort für eine solche kritische Gegenöffentlichkeit sind seit zehn Jahren die NachDenkSeiten. In der Regel sehr kompetent und fundiert und nicht selten mutig liefern die Autoren und Gastautoren Material für eine kritische und breitere Sicht auf die alltäglich in Politik und Wirtschaft anstehenden oder bereits getroffenen Entscheidungen. Das ist immer wieder ein Lichtschein in der sonst häufig leider dunklen Nacht der mittlerweile in weiten Teilen unkritisch gewordenen Medienlandschaft. Unter solchem Lichtschein aber ist erst eine verantwortliche Diskussion möglich.

Vielen Dank und Herzlichen Glückwunsch liebes NachDenkSeiten-Team – und weiter so!

Wolfenbüttel, 30. November 2013