IPPNW: Willkürliche Feststellung des Alters beenden

Jul 4th, 2013 | By | Category: Aktuell, Menschen- u. Bürgerrechte, Politik und Gesellschaft, Presse-Mitteilungen

Willkürliche Feststellung des Alters beenden

Altersfestsetzung bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen

IPPNW-Pressemitteilung vom 4. Juli 2013

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) werden bei der Erstaufnahme in Bayern systematisch älter gemacht. Das hat eine Gruppe von sieben Ärztinnen und Ärzten, darunter IPPNW-Mitglieder, nach ihrer Besichtigung der Erstaufnahmeeinrichtung für UMF in der Bayernkaserne erklärt. „Wir halten diese offensichtlich übliche Art der Problemlösung, bei der unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach einer kurzen Inaugenscheinnahme von Amts wegen für volljährig erklärt werden, für eine unglaubliche und untragbare Behördenwillkür“, erklärt der Kinder- und Jugendarzt Dr. Thomas Nowotny aus Stephanskirchen. „Eine stichprobenhafte Fallerhebung bei der Regierung von Oberbayern ergab 29 Betroffene an nur drei Tagen. Damit ist zu befürchten, dass jeden Monat weit über 200 unbegleitete Jugendliche für erwachsen erklärt und damit ihrer Chance auf Jugendhilfe, Schul- und Berufsausbildung beraubt werden,“ so Nowotny.

IPPNW_Anzeige_sw_50x25Berlin, 04.07.2013. (ippnw) Die Ärzteorganisation IPPNW fordert, die Zuständigkeit für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge der Jugendhilfe zu übertragen und auf unfachliche Altersfestsetzungen durch Behörden vollständig zu verzichten. Stattdessen solle die Klärung des Hilfebedarfs und die Alterseinschätzung gemäß den Vorgaben der UN-Kinderrechtskonvention erfolgen. Die IPPNW-Ärzte und –Ärztinnen sind der Auffassung, dass minderjährige Flüchtlinge in Jugendhilfeeinrichtungen aufgenommen werden müssen. Erst nach Stabilisierung könne eine psychosoziale Diagnostik erfolgen, wobei durch langfristige Beobachtungen und ausführliche Gespräche mit kompetenten Sozialpädagogen, ggf. auch Kinder- und Jugendärzten und in der Traumatherapie erfahrenen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten, das Alter eingeschätzt und der Jugendhilfebedarf geklärt werden kann.

Eine Empfehlung dazu hat der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes formuliert: Die (…) notwendigen Identifizierungsmaßnahmen schließen die Feststellung des Alters ein, wobei nicht nur dem physischen Zustand des Kindes Beachtung geschenkt werden sollte, sondern auch dessen psychischer Reife. Die Untersuchung ist zudem in einer Art und Weise durchzuführen, die wissenschaftlich fundiert, sicher, kindgerecht, vorurteilslos und dem Geschlecht des Kindes angemessen ist, jedes Risiko für die körperliche und seelische Unversehrtheit des Kindes meidet, die Würde des Menschen gebührend achtet, und, im Falle verbleibender Zweifel, zugunsten des Betreffenden entscheidet, dass, wann immer die Möglichkeit besteht, dass es sich um ein Kind handeln könnte, er/ oder sie als solches zu behandeln ist. (Ausschuss für die Rechte des Kindes CRC/GC/2005/6, 39. SITZUNG 3. Juni 2005. Allgemeine Bemerkung Nr. 6: Behandlung unbegleiteter und von ihren Eltern getrennter Kinder außerhalb ihres Herkunftslandes, p. 231)

Auch die medizinische Altersfestsetzung durch Röntgenaufnahmen, deren Genauigkeit stark überschätzt wird, ist menschenunwürdig und unverantwortlich. Die Abweichung vom Mittelwert kann zwei bis drei Jahre nach unten und nach oben ausmachen. „Für Röntgenaufnahmen zur Altersschätzung gibt es keine medizinische Indikation. Mehrere Ärztetagsbeschlüsse haben radiologische Verfahren zur Altersfestsetzung abgelehnt. Ärzte sollten derartige Untersuchungsaufträge nicht durchführen, sondern mit entsprechender Erläuterung zurückweisen“, erklärt Dr. Winfrid Eisenberg.

Einen Artikel zur Altersdiagnostik bei jugendlichen Flüchtlingen von Dr. Winfrid Eisenberg finden Sie unter http://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Soziale_Verantwortung/Altersfestsetzung_UMF.pdf Seinen Beitrag zum Röntgen ohne ärztliche Indikation finden Sie unter http://news.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Soziale_Verantwortung/roentgen_ohne_aerztliche_indikation.pdf

 

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