GfbV: Serbische Stadtverwaltung von Višegrad verhindert Andenken an bosniakische Genozid-Opfer

Jan 23rd, 2014 | By | Category: Aktuell, Menschen- u. Bürgerrechte, Militär, Politik und Gesellschaft, Presse-Mitteilungen

Serbische Stadtverwaltung von Višegrad verhindert Andenken an bosniakische Genozid-Opfer

Bosnien: Vermummte Polizisten gegen Völkermord-Mahnmal

Gesellschaft für bedrohte Völker Pressemitteilung vom 23. Januar 2014

logo_deuGöttingen, 23.01.2014. (gfbv) Die serbische Stadtverwaltung von Višegrad verhindert mit Polizeigewalt, dass Überlebende des Bosnienkrieges (1992-1995) öffentlich des Völkermords an den bosnischen Muslimen (Bosniaken) in der ostbosnischen Drina-Stadt gedenken. Wie die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) berichtete, wurden am frühen Donnerstagmorgen mehr als hundert vermummte Polizisten einer Spezialeinheit auf den muslimischen Friedhof Straziste geschickt. Sie entfernten das Wort Genozid auf einem im Andenken an die Opfer errichteten Mahnmal. Bereits am 24. Dezember 2013 hatte die Stadtverwaltung angeordnet, ein Haus niederzureißen, in dem serbische Truppen 70 Frauen, Kinder und Greise bei lebendigem Leib verbrannt hatten. Eine internationale Kampagne, an der auch die GfbV in Deutschland und Bosnien beteiligt waren, konnte den Abriss bisher verhindern.

Jetzt hat der GfbV-Generalsekretär Tilman Zülch die Bundeskanzlerin um Hilfe gebeten. Angela Merkel soll die überlebenden Opfer der Kriegsverbrechen in Schutz nehmen und dazu beitragen, dass sie ihren Toten ein würdiges Andenken bewahren können, heißt es in dem Appell-Schreiben der in Göttingen ansässigen Menschenrechtsorganisation. 1991 zählte die Gemeinde Višegrad 21.199 Einwohner, unter ihnen 63,5 Prozent Bosniaken. Heute leben dort nur noch knapp 12.000 Menschen. Etwa 1.500 von ihnen sind bosniakische Rückkehrer. Nach Angaben der GfbV wollen die Muslime von Višegrad in den kommenden Tagen dafür sorgen, dass an jeder muslimischen Grabstele auf ihrem Friedhof das Wort Völkermord steht.

Während des Krieges in Bosnien-Herzegowina war die Drinastadt Schauplatz monströser völkermordartiger Verbrechen. Es wird geschätzt, dass mindestens 3.000 bosniakische Zivilisten von Angehörigen serbischer paramilitärischer Einheiten damals getötet wurden. Hunderte Muslime wurden auf der Straße hingerichtet oder in ihren Häusern eingeschlossen und lebendig verbrannt. Von den mehr als 2.000 Bosniaken, die in den Konzentrationslagern in den Schulgebäuden Hasan Veletovac, Petar Kocic und dem Mittelschulzentrum sowie in der Kaserne Uzamnica gefangen gehalten wurden, wurden die meisten nach Folterungen getötet. Die Ermordeten wurden von der Brücke über die Drina, die durch das gleichnamige Buch des Literaturnobelpreisträgers Ivo Andric weltbekannt wurde, in den Fluss geworfen. Die Drina wurde so zu einem der größten Massengräber Bosniens und gibt bis heute bei niedrigem Wasserstand die sterblichen Überreste Ermordeter preis. Rund 600 muslimische Kinder, Frauen und Männer gelten bis heute als vermisst.

Die serbischen Truppen betrieben in Višegrad außerdem die Vergewaltigungslager wie das Motel Vilina Vlas, das Hotel Bikavac und das Feuerwehrgebäude. Dort wurden hunderte Bosniakinnen von Milizionären der serbischen Kriegsverbrecher Vojislav Šešelj und Željko Ražnatovi?, genannt Arkan, systematisch misshandelt und vergewaltigt. Im Zuge der systematischen „ethnischen Säuberung“ wurden alle Moscheen in und um Višegrad zerstört und jegliche Erinnerung an die bosniakische Geschichte der Stadt ausgelöscht.

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