II. Das Recht, immer das laut zu sagen, was ist

Sep 25th, 2010 | By | Category: Hauptartikel, Kommentare, Ostfalen-Spiegel, Politik und Gesellschaft

Der Finger in der Wunde

oder

Das Recht, „immer das laut zu sagen, was ist“

Gedanken zum Zeitgeist II – im Ostfalen-Spiegel

Von Rainer Elsner

Allem Anschein nach befinden wir uns auf einem Weg, der in eine gefährliche Richtung führt. Doch wahrnehmen wollen wir dies nicht. Menschen, die Kritik an Missständen und Fehlverhalten äußern, werden lieber als Moralisten und Bedenkenträger bezeichnet und diffamiert. Anstatt ihre Kritik zum Anlass zu nehmen, über das Kritisierte nachzudenken, wird nur streng geprüft, wie diese Menschen selbst leben. Und wenn sie dann kein völlig untadeliges Leben führen (also normale Menschen sind), wird ihnen das Recht, Kritik üben zu dürfen abgesprochen. – Doch ist das zulässig – und hilfreich?

Bild 1: Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi, war ein russischer Schriftsteller (Krieg und Frieden) im 19. Jahrhundert. Er wurde angefeindet für seine offene Kritik an der menschenverachtenden russischen Gesellschaft und am Aberglauben der Kirche. Sein Werk gilt als Wegbereiter der Russischen Revolution von 1905, selbst stand er aber für radikale Gewaltlosigkeit. Das Bild ist ein Gemälde von Ilya Efimovich Repin von 1887 (Wikimedia Commons).

Frohe Kunde ist jederzeit willkommen. Eine angenehme Wahrheit hören wir alle gerne. Unbequeme Wahrheiten jedoch hört niemand gern. Aber schon Goethe wusste: „… auch eine schädliche Wahrheit ist nützlich, weil sie nur Augenblicke schädlich sein kann und alsdann zu anderen Wahrheiten führt, die immer nützlich werden müssen …“. Mit anderen Worten: Wenn wir die Augen vor der Realität verschließen, dann ändert sich die Realität dennoch nicht. Im Gegenteil, ungünstige Entwicklungen schreiten weiter voran. Und wir verpassen möglicherweise die letzte Gelegenheit, die Entwicklung in eine günstigere Richtung zu leiten. Es ist also unausweichlich notwendig, sich jederzeit jeder Wahrheit zu stellen. Denn nur dann haben wir die Möglichkeit, gefährliche Entwicklungen zu erkennen und mögliche Auswege zu finden.

Auf den einzelnen Menschen bezogen kann es persönliche Umstände geben, die für den Augenblick eine Wahrheit als nicht verkraftbar erscheinen lassen. Und die persönlichen Umstände können für den Augenblick den einzelnen Menschen auch am entschlossenen Handeln hindern. Das darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden. Wie auch ein einzelner Mensch sich in der Regel nicht völlig aus den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen lösen kann und muss, wenn er eine gefährliche Entwicklung erkannt hat. Denn er wurde wie jeder andere Zeitgenosse ungefragt in diese Rahmenbedingungen hineingeboren und „muss“ in ihnen leben.

Über jeden Tadel erhaben?

Womit wir auch im eigentlichen Thema dieses Gedankenganges angekommen sind: Darf ein Mensch nur dann kritisieren, wenn er selbst über jeden Tadel erhaben ist? Darf zum Beispiel ein Mensch nur dann Kritik an unserer automobilen Gesellschaft üben, wenn er selbst kein Auto hat und fährt?

Solche Forderungen gehen häufig an Kritik aussprechende Menschen, wenn sie sich erlaubt haben, eine unbequeme Wahrheit zu verkünden. Es wird nicht zur Kenntnis genommen, dass sie einen wichtigen Hinweis gegeben haben, sondern sie werden lieber gefragt: Wie hältst du es denn selbst damit?

Und der Grund für eine solche Reaktion ist häufig Bequemlichkeit, mitunter auch purer Egoismus. Denn, wenn ich eine Wahrheit anerkenne, geht ja zugleich die Forderung an mich, etwas gegen die erkannte fehlerhafte oder gar gefährliche Entwicklung zu unternehmen. Doch unsere Bequemlichkeit will uns davon abhalten. Und der Egoist will unbequeme Wahrheiten ohnehin nur dann wissen, wenn sie ihn unmittelbar betreffen. Sonst sind sie ihm gleichgültig. Wenn sie aber ausgesprochen werden, könnte er sich aus sozialen Verpflichtungen heraus genötigt sehen, handeln zu müssen.

Bild 2: Rosa Luxemburg, war eine polnische und deutsche Sozialdemokratin und Kriegsgegnerin. Als Marxistin begrüßte sie zwar Lenins Oktoberrevolution, erkannte aber zugleich die Gefahr einer Diktatur der Bolschewisten. Sie wurde 1919 von Freikorps-Soldaten ermordet. Das Bild zeigt Sie auf einer Briefmarke der Deutschen Bundespost von 1974 aus der Serie "Bedeutende deutsche Frauen" (Wikimedia Commons).

Unsere Bequemlichkeit und auch unser Egoismus verleiten uns deshalb gerne dazu, Kritiker lieber mundtot zu machen. Vor dem Aussprechen von Wahrheiten steht schon ihre Verheimlichung. Nach dem Aussprechen der Wahrheit beginnt der Widerstand mit der Diskreditierung des Kritikers. Je unfreier eine Gesellschaft ist, kann es dann weitergehen mit Verfolgung, Inhaftierung, Folter und sogar Mord! Das mag für uns hier in der Bundesrepublik Deutschland drastisch klingen. Der zugrunde liegende Gedanke konsequent zu Ende gedacht führt aber unausweichlich an solch drastische Punkte. Deshalb kam Rosa Luxemburg (Bild 2) auch zu ihrer bekannten Aussage:  [es] ist und bleibt die revolutionärste Tat, immer ›das laut zu sagen, was ist‹.“ Und Rosa Luxemburg bezahlte diese Geisteshaltung schließlich dann auch mit ihrem Leben!

Wir dürfen also nicht vergessen: In einer freien Gesellschaft ist die Freiheit des Wortes eine zwingende Notwendigkeit für den Erhalt der freien Gesellschaft! Deshalb haben die Mütter und Väter des Grundgesetzes diese Freiheit auch in den unveräußerlichen Grundrechten festgeschrieben (Art. 5 Abs. 1 GG).

Zurück zur Kernfrage. Wie statthaft ist eine Kritik, wenn ein Kritiker sich gleichfalls kritikwürdig verhält?

Grundsätzlich gilt: Wenn jemand einen Zustand oder eine Handlungsweise als kritikwürdig erkennt, darf dieser Jemand seine Kritik auch äußern! Und dieses Recht steht selbstverständlich jedem Menschen zu. Schließlich ist kein Mensch unfehlbar! Und wenn nur Menschen ihre kritischen Gedanken äußern dürften, die über jeden Tadel erhaben sind, gäbe es wohlmöglich kaum noch Kritiker (was manche Zeitgenossen sicher begrüßen würden). Selbstverständlich geht mit meiner Äußerung einer Kritik auch die Forderung an mich selbst, an der Beseitigung des kritikwürdigen Zustandes mitzuwirken. Aber mit dem aussprechen der Kritik erkläre ich mich ja nicht zu einem „heiligen“ und unfehlbaren Menschen und verwirke ich selbstverständlich auch nicht mein Recht, am „normalen“ Leben teilzuhaben.

Auch im strengen kantischen Sinne charakterstarke Menschen schaffen es im alltäglichen Handeln kaum, ohne Fehl und Tadel zu bleiben – zumal es immer Bereiche geben wird, in denen Verhalten unterschiedlich bewertet werden kann und darf. Wenn wir die kantische Strenge nicht absolut streng interpretieren, dürfen wir jedem Menschen auch wieder Fehler zugestehen. Zu viele Umstände und Einflüsse behindern uns oder verstellen uns den Blick. – Wird diese Forderung aber von außen an einen Menschen herangetragen, kehrt sich die Forderung ohnehin schnell um. Denn, wer von anderen völlige Unfehlbarkeit fordert, muss nach eigenem Urteil selbst unfehlbar sein! Doch es geht hier weder um Unfehlbarkeit noch darum, Fehlverhalten nur bei anderen suchen zu müssen. Wesentlich ist es aber, sich jederzeit zu bemühen, ein auch im letzten Augenblick noch verantwortbar erscheinendes Leben zu führen. Und dabei hilft auch Kritik von außen.

Rechte von wirtschaftlichen Verhältnissen abhängig

Bild 3: Giordano Bruno, italienischer Priester, Dichter und Philosoph. Er starb 1600 für sein Weltbild und seine Religionskritik auf dem Scheiterhaufen. Das Bild ist ein Portrait von 1578 aus der Universität von Genf (Wikimedia Commons).

Von diesem Ausflug zum Grundsätzlichen zurück zum Handeln im Alltag. Da können genannte Forderungen an Kritiker schnell dreiste Züge bekommen. Bei manchem Verhalten kommt es in unserer materiellen Gesellschaft auch auf die persönlichen materiellen Möglichkeiten an. Wer mit ALG II auskommen muss, wird sich bei seinen Lebensmitteleinkäufen kaum auf Bio- und Transfair-Produkte beschränken können – jemand mit einem fünfstelligen Monatseinkommen eigentlich schon. Hier würde die Forderung also in eine Oligarchie führen, in der die Rechte des einzelnen Menschen von dessen wirtschaftlichen Verhältnissen abhängen und nicht mehr von seinem Recht, das er als in diese Welt geborener Mensch besitzt! Das scheinen einige der derzeit politische Verantwortung tragenden Menschen (und ihre Wähler) tatsächlich im Schilde zu führen. Richtig ist es deshalb dennoch nicht.

Kritik hilfreich und notwendig

Es bleibt also festzuhalten: die Kritik der „Moralisten und Bedenkenträger“ ist nicht nur zulässig, den Finger immer wieder in die Wunde zu legen ist meist sogar hilfreich, häufig sogar notwendig! Die Forderung kann also nicht lauten: Mach erst mal selbst alles besser (während wir weiter unser bequemes, verantwortungsloses Leben leben). Sondern sie sollte vielmehr lauten: Last uns das erkannte Problem gemeinsam angehen! Nur so sind für alle Menschen gangbare und zumutbare Wege zu finden.

Wir können aber auch jede Mahnung in den Wind schlagen. Nur dann müssen wir auch bereit sein, mit den Konsequenzen zu leben (und am Ende zu sterben) – Konsequenzen für uns, Konsequenzen für andere Menschen in der Welt und Konsequenzen für unsere Kinder und Kindeskinder in der Zukunft!

—–

Weitere Informationen zu Tolstoi (Bild 1) und Bruno (Bild 3) finde sich zum Beispiel bei Wikipedia.

—–

Gedanken zum Zeitgeist

In den Gedanken zum Zeitgeist erscheinen in loser Folge kritische Kommentare zur aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklung in Deutschland und der Welt. Die einzelnen Gedanken zum Zeitgeist fokusieren in der Regel ein Thema und setzen auch unterschiedliche Schwerpunkte.  Grundsätzliche Standpunkte wie auch der philosophische Unterbau werden dabei nicht jedes Mal neu dargelegt. Für ein besseres Verständnis der Basis der geäußerten Kritik ist es also sinnvoll, nach und nach alle Gedanken zum Zeitgeist zu lesen und auch die Seite Ostfalen-Spiegel.

I. Tapfer sterben für …

II. Der Finger in der Wunde

III. Die Demokratie lebt vom Diskurs

IV. Mehr Schein als Sein

V. Begründung einer Hoffnung

VI. Wer das Geld hat –

VII:.…

Kommentar hinterlassen