Attac u. a.: Politiker mit Argumenten gegen Pauschalierende Entgelte in der Psychiatrie konfrontiert

Okt 11th, 2013 | By | Category: Aktuell, Gesundheit, Menschen- u. Bürgerrechte, Politik und Gesellschaft, Presse-Mitteilungen, Wirtschaft

Politiker mit Argumenten gegen Pauschalierende Entgelte in der Psychiatrie konfrontiert

Fachanhörung der Initiative „Weg mit PEPP“ / CDU schlägt Einladung aus

Initiative „PEPP nicht einführen!“ Pressemitteilung vom 11. Oktober 2013

attac_banner_klBerlin/Frankfurt am Main, 11.10.2013. (attac) Seit Januar läuft die Testphase für das Pauschalierende Entgeltsystem in Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP) – obwohl sich fast alle Fachverbände, die meisten Psychiatrie-Erfahrenen und die Deutsche Krankenhausgesellschaft ausdrücklich dagegen ausgesprochen haben. Doch der Protest verhallte ungehört; das Bundesgesundheitsministerium legte den PEPP-Testlauf per Verordnung fest und plant die dauerhafte Einführung.

Bei einer Anhörung am Mittwoch in Berlin konfrontierte die Initiative „Weg mit PEPP“ daher die Politik mit den Argumenten der Fachwelt gegen PEPP. Eingeladen waren die Mitglieder des jüngsten Bundestags-Gesundheitsausschusses sowie weitere Gesundheitspolitiker. Bis auf die CDU folgten Vertreter alle Fraktionen der Einladung.

„Das Pauschalierende Entgeltsystem wird den psychiatrischen Krankheitsverläufen und damit den Bedürfnissen der Betroffenen nicht gerecht“, stellte Professor Rolf Rosenbrock, Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, fest. „Psychisch kranke Menschen brauchen meist eine Sektoren übergreifende, integrierte Versorgung. Anreize, die sich nur auf die Klinik beziehen und eine schnelle Entlassung belohnen, gefährden die fachgerechte Behandlung vor allem psychisch schwer kranker Menschen.“

Klare Worte fand auch Professor Andreas Heinz, Klinikdirektor der psychiatrischen Universitätsklinik der Charité: „PEPP verschlechtert die Behandlungsqualität. Die Absenkung der Tagesentgelte nach Verweildauerstufen setzt fatale betriebswirtschaftliche Anreize, Patienten loszuwerden, deren Behandlungsbedarf dem Schema nicht entspricht.“ Zudem könne der steigende Bedarf für Krankenhausbehandlungen mit PEPP nur unzureichend aufgefangen werden. Den Kliniken bleibe nur, mit demselben Personal mehr zu leisten oder die Behandlung von betriebswirtschaftlich ungünstigen – also schwerer kranken – Patienten zu vermeiden. Auch lasse die Fokussierung auf stationäre Behandlungen bewährte Formen flexibilisierter Therapien – insbesondere ambulant im Krankenhaus und im Lebensfeld – unberücksichtigt.

Und Professor Thomas Pollmächer, Vorsitzender der Bundesdirektorenkonferenz – Verband leitender Ärzte und Ärztinnen der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie betonte: „Seit einigen Wochen gibt es Belege dafür, dass wirklich tagesbezogen kalkulierte Entgelte möglich sind, deshalb muss diese Alternative zum PEPP-System jetzt zwingend praktisch geprüft werden“.

Professor Peter Kruckenberg, Ärztlicher Direktor in Rente der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Bremen-Ost sowie Beisitzer der Aktion Psychisch Kranke (APK) sagte: „Die bisherige Umsetzung des
Krankenhausfinanzierungsreformgesetzes – kurz KHRG – von 2009 durch die Deutsche Krankenhausgesellschaft sowie die Gesetzlichen und Privaten Krankenversicherungen widerspricht dem Gesetzesauftrag und hat schon jetzt erhebliche negative Einflüsse auf die Krankenversorgung. Die neue Bundesregierung muss umgehend für einen Kurswechsel sorgen.“

Brigitte Richter, Vorsitzende von Pandora, einem Verein für Selbsthilfe Psychiatrie-Erfahrener, appellierte eindringlich an die Politik: „Schaffen Sie dieses unglückselige Gesetz wieder ab! Lassen Sie sich nicht von den Gesetzen des Profits befehlen, der Humanität den Garaus machen. Helfen Sie mit, aus Menschen in seelischen Ausnahmezuständen wieder wirklich seelisch stabile Menschen zu machen.“

Gegen die Einführung des Pauschalierenden Entgeltsystems hat sich unter dem Motto „Weg mit PEPP“ eine breite Initiative aus Klinikleitungen, Chefärzten, Psychotherapeuten, Sozialverbänden, Psychiatrie-Erfahrenen, Angehörigen, der Gewerkschaft Verdi und sozialen Bewegungen gebildet. Einem im Juli gestarteten Aufruf, mit dem die Bundesregierung aufgefordert wird, PEPP nicht einzuführen, schlossen sich in wenigen Tagen zahlreiche ärztliche Klinikleitungen, Chefärztinnen und Chefärzte, Fachverbände sowie eine Vielzahl von Einzelpersonen an. Mittlerweile sind es fast 5500 Unterzeichnende.

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